Arbeitsministerin Ursula von der Leyen im Interview über befristete Jobs und Chancen für Alleinerziehende

„Kind darf kein Armutsrisiko sein“

Kassel. Seit vier Monaten ist sie Arbeitsministerin, doch das Thema Familie lässt Ursula von der Leyen (51) auch im neuen Amt nicht los. Wir haben mit der CDU-Ministerin über familienfreundliche Jobs und den Zwischenstand der Hartz-IV-Reform gesprochen.

Frau von der Leyen, viele junge Menschen haben regelrecht Angst vor der heutigen Arbeitswelt. Können Sie das verstehen?

Ursula von der Leyen: Ja, das verstehe ich gut. Ich hatte dieselbe Unsicherheit als junge Ärztin. Das Wichtigste ist, in die Arbeit hineinzukommen und zu merken, dass auch dort mit Wasser gekocht wird.

Wer einen Job bekommt, darf aber nicht immer bleiben. Schließlich gibt es immer mehr befristete Verträge.

Von der Leyen: Das stimmt. In vielen Berufen an Menschen, in der Pflege oder der Bildung, kommt es darauf an, dass die Chemie stimmt. Da ist die Befristung eine Möglichkeit sich gegenseitig kennenzulernen. Aber nach wie vor sind 91 Prozent aller Arbeitsverträge unbefristet. Bei jungen Leuten sind es 40 Prozent, die nur befristet angestellt werden. Aber schon bei den 30 bis 40-Jährigen sinkt der Anteil auf 25 Prozent, bei den über 50-Jährigen auf nur noch fünf Prozent. Das zeigt, dass der unbefristete Vertrag im Laufe des Lebens zum Normalfall wird.

Gerade junge Leute fühlen sich aber verunsichert. Gibt es nicht doch Handlungsbedarf?

Von der Leyen: Nein, hinter der Zunahme von Befristungen steckt auch ein weltweiter Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Das lässt sich mit Gesetzen nicht aufhalten und muss nicht negativ sein. Jedes zweite befristete Arbeitsverhältnis mündet in einen dauerhaften Job. Außerdem haben sich Frauen flexiblere Arbeitsbedingungen wie Teilzeit und Befristung auch erstritten, weil niedrige Schwellen den Wiedereinstieg leichter machen. Eine andere Entwicklung wird unsere Arbeitswelt viel dramatischer verändern.

Und zwar?

Von der Leyen: In Kürze werden Arbeitgeber verzweifelt nach qualifiziertem Fachpersonal suchen. Wir haben jetzt schon einen dramatischen Fachkräftemangel in der Medizin oder dem Ingenieurswesen. Allein durch den demografischen Wandel gibt es in diesem Jahr 140 000 Erwerbstätige weniger. Wenn Arbeitgeber in Zukunft viel investieren, um Fachkräfte zu suchen, werden sie sicher nicht durch eine Befristungen riskieren, sie rasch wieder zu verlieren.

Wie wollen Sie dem Mangel begegnen?

Von der Leyen: Wir müssen erkennen, dass die Arbeitswelt weiblicher, bunter und älter wird. Wir müssen dafür sorgen, dass für Frauen Familie und Beruf vereinbar sind. Für Kinder mit Migrationshintergrund ist Bildung das Entscheidende. Und wir brauchen eine Kultur, die die Stärken des Alters würdigt.

Auch Alleinerziehende haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer. Was tun Sie für sie?

Von der Leyen: Der Umgang mit Alleinerziehenden erzählt eine Geschichte: Dieses Familienmodell ist längst keine Ausnahme mehr, aber die Alleinerziehenden sind zu 40 Prozent in Hartz IV. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Frauen, die qualifizierter und jünger sind als die meisten Langzeitarbeitslosen, gute Kinderbetreuung und familienfreundliche Arbeitsplätze bekommen. Das wird einer meiner Schwerpunkte sein. Es kann nicht sein, dass Kinder Armutsrisiko sind.

Auch Hartz IV wird Sie weiter beschäftigen. Wie weit sind Sie mit der Überarbeitung der Regelsätze für Kinder?

Von der Leyen: Das ist eine Riesenaufgabe, denn die Daten liegen erst im Herbst vor, aber wir müssen bis Jahresende fertig sein. Das Bundesverfassungsgericht hat deutlich gemacht, dass man nicht einfach mehr Geld in die Familien geben muss, sondern dass bedürftige Kinder mehr Chancen bekommen müssen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Es geht auch um Musik- und Sportunterricht, um Zugang zu Bildung. Diese Aufgabe werde ich mit Leidenschaft angehen, weil ich spüre: da sind wir nicht gut genug.

Für Ihren Vorschlag der Bildungsgutscheine brauchen Sie die Unterstützung der Länder und Kommunen. Tragen die diese Ideen mit?

Von der Leyen: Unabhängig davon, ob wir über Bildungsgutscheine oder andere Modelle der Hilfe gehen: Es geht nicht ohne Länder und Kommunen. Ich erlebe viel Bereitschaft, diese Chance zu nutzen. Im Sommer werden wir über die Umsetzung sprechen.

Ohne mehr Geld wird das nicht gehen.

Von der Leyen: Das wird den Bund mehr Geld kosten, richtig. Aber ein Kind, das eine Ausbildung macht und einen Beruf ergreift, nutzt nicht nur seine Lebenschancen. Statt in Hartz IV zu verharren, zahlt es als Erwachsener Steuern und Beiträge zur Krankenversicherung. Es trägt dieses Land, wenn wir alt sind. Eine bessere Investition gibt es nicht.

Von Saskia Trebing

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