In der Woche besuchen siebenmal mehr Menschen eine Kirche als zum Gottesdienst

Kirche ja – Predigt nein

Angetan von der Atmosphäre: Die Göttingerin Cornelia Quade (links) besichtigte mit ihren Dresdner Freunden Stefan und Sibylle Heßner die Göttinger Jakobikirche mit ihrem sehenswerten Renaissance-Altar, den ein unbekannter Meister im Jahre 1402 geschaffen hat. Foto: Papenheim

Göttingen / Hannover. Sechs Millionen Menschen besuchen jedes Jahr den Kölner Dom, bei Touristen das beliebteste Ziel in Deutschland. Doch auch unbekanntere sakrale Gebäude erfreuen sich großer Beliebtheit.

„Es kommen in den Sommermonaten vor allem Touristen in die St. Jacobikirche. Jedes Jahr zählen wir zwischen 100 000 und 120 000 Besucher”, sagt Harald Storz, Pastor der Göttinger St. Jacobigemeinde.

Überraschende Ergebnisse

Was interessiert Menschen an Kirchen? Wer geht überhaupt außerhalb des Gottesdienstes in eine Kirche und was macht er dort? Fragen, über die in einer Fachtagung der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover zum Thema „Offene Kirchen“ in der Landeshauptstadt diskutiert wurde. Laut Ralf Hoburg, Theologieprofessor an der Fachhochschule Hannover, ist die Zahl der Menschen, die einfach mal so in eine Kirche gehen, siebenmal so hoch wie die der Gottesdienstteilnehmer. Hoburg stellte die Ergebnisse einer Befragung von 325 Besuchern vor, die in 15 auch außerhalb der Gottesdienste geöffneten evangelischen Kirchen zwischen Cuxhaven und Goslar interviewt wurden. Manche Ergebnisse haben Hoburg überrascht.

„Es sind nicht, wie viele wohl vermuten, vor allem die alten Mütterchen, die eine Kirche aufsuchen. Ein Drittel aller Besucher sind unter 30, nur 14 Prozent über 60.” Überwiegend kommen Touristen, für die der Besuch einer Kirche bei der Erkundung einer fremden Stadt einfach dazugehört. Für die meisten sind Kirchen in erster Linie kulturhistorisch bedeutsame Gebäude. Nur jeder Fünfte bezeichnet sie als Denkmäler des Glaubens oder nennt als Motiv für die Besichtigung die eigene Frömmigkeit.

Altar, Kreuz und Orgel

Die Gäste schauen sich vor allem den Altar an, gefolgt vom Kreuz, der Orgel, den Engeln, den Kirchenfenstern und der Kanzel. Die meisten bleiben zwischen einer viertel und einer halben Stunde. Anschließend sagt die Mehrheit, dass die Stille ihnen sehr gut getan habe. Jeder Dritte fühlt sich von der besonderen Architektur und dem Kunstreichtum sehr angesprochen. 13 Prozent sind durch die besondere Atmosphäre ins Nachdenken gekommen, zwei Prozent ist die ganze Umgebung eher fremd geblieben. „Es gibt Menschen, die das Gespräch suchen, die meisten wollen aber in der Kirche für sich bleiben. Einige genießen die Ruhe zwischen zwei Einkäufen. Für viele auswärtige Gäste gehört die Besichtigung unserer Kirche zu den touristischen Höhepunkten in Göttingen”, berichtet Pastor Storz.

In Niedersachsen gibt es inzwischen 360 evangelische Kirchen, die zwischen Ostern und Erntedankfest mindestens vier Stunden am Tag geöffnet sind. Hoburg hält das für nicht ausreichend: „Katholische Kirchen sind per se geöffnet, im Gegensatz zu vielen evangelischen Kirchen. Die Gemeinden sollten ihre Gebäude stärker als geistiges Kapital einsetzen, denn durch die Öffnung von mehr Gotteshäusern können auch kirchenferne Menschen angesprochen werden.”

Eintritt frei in Göttingen

In einigen Kirchen wird außerhalb des Gottesdienstes inzwischen Eintritt verlangt, zum Beispiel in der Lübecker Marienkirche oder der Nicolaikirche in Stralsund. Bei St. Jacobi in Göttingen, wo 25 Ehrenamtliche für die tägliche Öffnung sorgen, setzt man dagegen auf freiwillige Spenden der Besucher zum Erhalt des Gebäudes. Storz: „Jeder Interessierte muss kostenlos eine Kirche betreten dürfen. Nur für die Besteigung unseres Kirchturms zahlen Erwachsene zwei Euro, denn man geht nicht zum Beten hoch, sondern wegen des schönen Ausblicks.”

Von Joachim Göres

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