Kirchen verlieren viele Mitglieder: Fragen und Antworten

Den Kirchen laufen die Mitglieder weg - ein Thema, mit dem sich auch die Deutsche Bischofskonferenz bei ihrer Herbstvollversammlung in Fulda befasst. Fragen und Antworten zu Ursachen und Wirkungen.

Welche Gründe sind für die Austritte maßgeblich? 

In den vergangenen Jahren haben vor allem die Missbrauchsskandale der katholischen Kirche und auch der Skandal um den Limburger Bischof Tebartz-van Elst zur Folge gehabt, dass Menschen der Kirche den Rücken drehen. Bei ihrer Kritik am Fehlverhalten kirchlicher Repräsentanten unterscheiden sie nicht zwischen den Konfessionen.

Welche Gründe gibt es noch? 

Derzeit provoziert vor allem das geänderte Einzugsverfahren der Kirchensteuer auf Kapitalerträge viele Kirchenaustritte. Dabei handelt es sich nach Ansicht der Kirchen oft um ein Missverständnis, denn es geht nicht um neue oder höhere Steuern.

Worum geht es bei der Änderung? 

Wie die pauschale Abgeltungssteuer von 25 Prozent auf Kapitalerträge soll künftig auch die Kirchensteuer auf Kapitalerträge von den Banken einbehalten und an den Fiskus abgeführt werden - es sei denn, man lehnt das Verfahren ausdrücklich ab. Dann muss man die Angaben zu Kapitalerträgen wie bisher in der Steuererklärung machen.

Sind alle Kirchenmitglieder davon betroffen? 

Nein, nur die Kirchenmitglieder, deren Kapitalerträge höher sind als die Sparerfreibeträge. Bei der Kirchensteuer auf das Arbeitseinkommen ändert sich nichts, es wird nach wie vor direkt vom Lohn oder Gehalt abgeführt.

Wie kommt es, dass ein im Grundsatz leicht aufzuklärendes Missverständnis gleich zu einer Austrittswelle führt? 

Die Bindekraft der Religion nimmt in unserer Gesellschaft immer mehr ab, das beklagen beide Kirchen. Die Skepsis gegenüber großen Institutionen wachse. Und die Bereitschaft, sich durch Mitgliedschaft zu binden, sinke, so Kirchenpräsident Volker Jung von der Evangelischen Kirche von Hessen-Nassau (EKHN). Auch Familienstrukturen haben sich geändert, man bleibt nicht mehr in der Kirche, weil die Familie schon immer Mitglied war. Jung sieht zudem eine grundsätzliche Religionskritik, weil viele Menschen die Ursachen von Kriegen in der Religion sähen.

Ist die Verbindung von Kirche und Staat gerechtfertigt? Warum zieht der Staat die Kirchensteuer ein? 

Der Staat zieht sie ein, erhoben wird sie von den Religionsgemeinschaften, die als Körperschaften des öffentlichen Rechtes dazu befugt sind. Der Staat handelt mithin im Auftrag der Kirchen, die den Verwaltungsaufwand gering halten wollen. Diese Dienstleistung wird von den Kirchen bezahlt. In Hessen verbleiben laut EKHN dafür drei Prozent beim Fiskus.

Was wollen die Kirchen dem Mitgliederrückgang entgegensetzen? 

DBK-Sprecher Matthias Kopp wollte möglichen Ergebnissen der Bischofskonferenz nicht vorgreifen. Ihr Vorsitzender Kardinal Reinhard Marx hat zur Eröffnung gesagt, er halte „die Diskrepanz zwischen kirchlicher Lehre und dem Leben der Menschen“ nicht für so groß. Wer in der Gesellschaft präsent sein wolle, müsse seine Arbeit aber immer qualitativ hinterfragen. Die katholische Laienbewegung „Wir sind Kirche“ kritisiert dagegen die Kluft zwischen Klerus und Laien. Die Lehren zu Familie und Sexualmoral etwa hätten „den Kontakt mit der Wirklichkeit des Menschen verloren“. Der Bischof der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck, Martin Hein, sagt, Kirche müsse sich um die Menschen kümmern, die nichts mehr von ihr erwarteten. Dazu brauche sie weiterhin viele Pfarrer.

Die Fakten

• Die Katholische Kirche hat seit 1990 vier Millionen ihrer damals 28,2 Millionen Mitglieder verloren. Bei der Evangelischen Kirche sank die Zahl von 29,4 Millionen 1990 um sechs Millionen auf 23,4 Millionen Mitglieder.

•Der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck (EKKW) haben im ersten Halbjahr 2014 rund 7500 Menschen den Rücken gekehrt, 330 mehr als im Vergleichszeitraum 2013. Sie hatte zum 30. Juni 864 644 Mitglieder.

•Im Bistum Fulda sank die Zahl der Katholiken 2013 um 2691 auf 400 977 Mitglieder, um 1000 mehr als 2012.

• Das Bistum Hildesheim zählte Ende 2013 noch 613 508 Mitglieder - 2702 weniger als im Jahr zuvor.

• Der Evangelischen Landeskirche in Hannover gingen 2013 rund 20 600 Mitglieder verloren, 2014 rechnet sie mit 30 bis 40 Prozent mehr Austritten. (wet/jvp/dpa)  

Wie sich Kirchen finanzieren 

• In Deutschland werden die kirchlichen Aufgaben im Wesentlichen durch die Kirchensteuer (9 % der Lohn-bzw. Einkommenssteuer) der Mitglieder finanziert, acht Milliarden Euro im Jahr. Anderswo ist es anders:

• In Italien und Spanien werden die Kirchen aus staatlichen Steuermitteln unterhalten. Steuerpflichtige können wählen, ob Teile ihrer Einkommensteuer (0,8 bzw. 0,5 Prozent) der Kirche oder anderen Einrichtungen zufließen.

• In Frankreich mit seiner strikten Trennung von Kirche und Staat stammen 75 Prozent der Einnahmen der überwiegend katholischen Kirche aus Sammlungen und Spenden, 25 Prozent aus freiwilligem „Kultbeitrag“.

• Die Kirchensteuer bringt den Kirchen mehr Planungssicherheit als in der Höhe schwankende Spenden, oder wenn jedes Mitglied nach finanzieller Leistungsfähigkeit zahlt.

• Der Nachteil ist, dass die Steuer durch Koppelung an das Einkommen konjunkturabhängig ist. Auch die Bevölkerungsstruktur spielt eine Rolle. In ländlichen Regionen ist die Bereitschaft Kirchensteuer zu zahlen laut EKKW größer.

www.kirchenfinanzen.de

Von Petra Wettlaufer-Pohl

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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