Interview: Lehrerpräsident Josef Kraus über unterfinanzierte Schulen, sinkendes Niveau und Reformfehler

Interview: Lehrerpräsident Josef Kraus über  Reformfehler

+
„Mehr Einser-Abiturienten, weniger Sitzenbleiber“: Lehrerverbandspräsident Josef Kraus kritisiert, dass die Leistungsansprüche an den Schulen immer weiter heruntergefahren werden. Foto: dpa

Schüler machen gegen die mangelnde Ausstattung ihrer Schulen mobil, andererseits vollzieht die Politik nach Druck der Eltern eine Kehrtwende in Sachen verkürzter Schulzeit bis zum Abitur. Die Bildungslandschaft bleibt im Umbruch. Wir sprachen darüber mit Lehrerverbandspräsident Josef Kraus.

Morgen wollen Schüler bundesweit für eine bessere finanzielle Ausstattung der Schulen demonstrieren. Wie unterfinanziert sind unsere Schulen? 

Josef Kraus: In Schulnoten ausgedrückt, ist die finanzielle und personelle Ausstattung unserer Schulen je nach Bundesland und Region befriedigend bis mangelhaft. Viele Schulen bedürfen dringend der baulichen Sanierung, viele Schulen haben eine überholte EDV-Ausstattung, vielen Schulen mangelt es an einer Schulbibliothek, die diesen Namen verdient. Vor allem aber fehlt es an Personal. Um den Unterrichtsausfall auf Null herunterzufahren und um zusätzliche Förderkurse für schwache und für Spitzenschüler einzurichten, bräuchten wir eigentlich 110 Prozent Lehrerstunden.

Unsere Schüler sind auch überlastet, meint der familienpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Marcus Weinberg. Er fordert daher für Schüler die 35-Stunden-Woche. Sie auch? 

Kraus: Wir müssen aufpassen, dass wir Schule in Deutschland nicht noch mehr zu einer Spaß- und Verwöhnschule machen. Wir haben ohnehin in weiten Bereichen die Leistungsansprüche sowie die zeitliche Beanspruchung immer weiter heruntergefahren.

Beispiele, bitte... 

Kraus: In Hamburg hat man beschlossen, dass es in Kernfächern nur noch einmal pro Woche Hausaufgaben geben soll. Es gibt außerdem immer weniger Sitzenbleiber, in Niedersachsen wird das Sitzenbleiben ganz abgeschafft. Und es gibt immer mehr 1,0-Abitur-Zeugnisse. In NRW hat sich die Zahl der 1,0-Abiturzeugnisse von 2007 auf 2011 von 455 auf 1000 erhöht, in Berlin sind aus 17 solcher Zeugnisse im Jahr 2002 im Jahr 2012 vierzehnmal so viel geworden, nämlich 234.

Aber hat Weinberg nicht in puncto Leistungsverdichtung für Schüler Recht? 

Kraus: Das ist eine Menge Alarmismus. Wir haben kaum Schüler, wenigsten nicht bis in die 10. Klasse hinauf, wo sie 35 echte Stunden beansprucht sind. Ich habe das Gefühl, dass Herr Weinberg 35, 36 Unterrichtsstunden nicht auf Zeitstunden umrechnen kann. Denn 36 Unterrichtsstunden sind 27 Zeitstunden. Und wenn ein Zehntklässler vielleicht noch von Montag bis Donnerstag anderthalb Stunden am Nachmittag arbeitet, kommt er gerade auf 33 Stunden. Und wenn es Schüler mit höherem Stundenanteil geben sollte, lernen sie falsch oder sind in der falschen Schulform gelandet.

Jugendärzte schlagen Alarm: Ein Viertel der Kinder und Jugendlichen habe während ihrer Schulzeit wegen gestiegenem Druck und übergroßen Erwartungen psychische oder psychosomatische Beschwerden. Auch Alarmismus? 

Kraus: Wir sollten festhalten, dass die WHO regelmäßig Untersuchungen macht. Da kommen die deutschen Schüler in puncto Zufriedenheit gar nicht schlecht weg. Im Gegenteil: Sogar besser als die Schüler im hochgerühmten Finnland. Zweitens sollte man auch berücksichtigen, dass maßgeblich ursächlich für solche psychosomatischen Beschwerden die Lebensumstände sind. In dem Moment, wo wir heute einen höheren Anteil an zerbrochenen Familien oder bei vielen Kindern einen enormen Freizeitstress haben, sollte man nicht so tun, als sei Schule dafür allein verantwortlich. Erst kürzlich bekamen wir Untersuchungen, dass Schüler heutzutage wesentlich mehr vor einem Bildschirm mit Computer und Spielkonsole sitzen als auf der Schulbank. Bei Essstörungen kommen andere Gründe hinzu: falsche Vorbilder zu Hause oder Magermodels. Das ist mir von einer Ärzteorganisation zu monokausal analysiert.

Das Turbo-Abi steht in den westlichen Bundesländern vor dem Aus. Zu Recht? 

Kraus: Die Klagen über Stress in G8 teile ich nur bedingt. Es wurde aber inhaltlich einfach zuviel abgespeckt. Ein G8-Schüler hat etwa 400 Stunden Fremdsprachen-Unterricht weniger. Wir haben Kernfächer wie Deutsch und Mathematik, die zum Teil in bestimmten Jahrgangsstufen nur noch dreistündig pro Woche unterrichtet werden. Das geht nicht ohne Verlust an Qualität, Anspruch und wichtigen Inhalten.

Hat die Bildungspolitik mit derlei Stückwerk versagt? 

Kraus: Richtig. Der Zug, der jetzt wieder Richtung G 9 fährt, ist eine Klatsche für die Schulpolitik - quer durch die Republik. Man hat gemeint, dass die Entwicklung Heranwachsender einfach am grünen Tisch beschleunigt werden kann. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Das sieht man jetzt auch bei G8. Auch bei uns in Bayern mussten ständig Nachbesserungen kommen. Es war Pfusch. Allerdings empfehle ich der Politik dringendst, nichts hopplahopp übers Knie zu brechen. Wir brauchen für die Rückkehr zu G9, wenn sie gut vorbereitet sein soll, auch wieder zwei Jahre. Wir brauchen wieder andere Lehrpläne aus einem Guss sowie eine Umstellung der Lehrbücher. Das ist aufwendig.

Elternwunsch ist oft, dass der Bund die Bildungspolitik bestimmen sollte und nicht die Länder. Wäre das besser? 

Kraus: Bloß nicht. Die Argumentation der Eltern ist natürlich nachvollziehbar, weil sie beruflich mobil sein müssen. Aber es ist blauäuig, weil ein Bundeszentralismus verfassungsrechtlich nicht denkbar ist und keines der 16 Länder mitmachen würde. Zweitens: Wenn der Bund in Sachen Bildung das Sagen hat, werden wir Vereinbarungen bekommen, die den Kompromiss des Kompromisses des Kompromisses auf unterem Niveau bedeuten. Das sehen wir an den Beschlüssen der KMK und Abiturvereinbarungen. Man richtet sich immer an den Langsamsten und Schwächsten aus.

Sie haben einen offenen Brief der Gesellschaft für Bildung und Wissen unterzeichnet. Darin wird der Pisa-Koordinator aufgefordert, die Testeritis zu beenden. Warum? 

Josef Kraus

Kraus: Anfangs war die Pisa-Testung sinnvoll, man hatte schwarz auf weiß: Innerhalb Deutschlands hat man ein erhebliches Leistungsgefälle in den Schulen. Der internationale Vergleich war wenig aussagekräftig, denn was soll ein Vergleich zwischen Deutschland und Finnland: in Deutschland höchste Migrantenanteile, in Finnland um die zwei Prozent. Mittlerweile ist das Bildungsverständnis durch den OECD-Einfluss aber sehr eng geworden. Höchste Abiturienten- und Akademikerquoten will die OECD uns vorgeben. Dabei vernachlässigt man, dass die Abiturientenquoten international überhaupt nicht vergleichbar sind.

Warum nicht? 

Kraus: Man vernachlässigt, dass wir einen sehr hohen Standard im Bereich der beruflichen Bildung haben. Und dass das wiederum der Grund ist, warum wir zusammen mit Österreich und der Schweiz die niedrigsten Quoten arbeitsloser Jugendlicher haben.

Zur Person

Josef Kraus (64) ist seit 1987 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Kraus, der mehrere Bücher verfasst hat (zuletzt: „Helikopter-Eltern“) , wirkt seit 1995 als Oberstudiendirektor am Maximilian-von-Montgelas-Gymnasium Vilsbiburg (Landkreis Landshut, Bayern). Er ist seit 40 Jahren verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.

Von Ullrich Riedler

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.