Erster Regierungsbericht zu Konsequenzen für Deutschland

Der Klimawandel kommt leise, aber deutlich

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Urlauber am Strand der Nordseeinsel Sylt: Langfristig sind die alten Rezepte des Küstenschutzes dem Klimawandel und dem Meeresanstieg, der auch Nord- und Ostsee trifft, allein nicht mehr gewachsen. Ständige Sandaufspülung gegen Strandabbrüche wie in Sylt könnte irgendwann zu teuer werden.

Politisch schleppt sich der Kampf gegen den globalen Klimawandel seit Jahren dahin. Reiche Länder wie Deutschland versuchen parallel, sich längst unabwendbaren Folgen anzupassen. Die Bundesregierung fasst zusammen, wo wir stehen.

Im März verwüstete der Zyklon Pam den südpazifischen Inselstaat Vanuatu, Dürrekatastrophen halten derzeit Kalifornien und den Südosten Brasiliens im bedrohlichen Klammergriff, massive Überschwemmungen quälen Chile und Malawi: „Die Liste extremer Ereignisse ist lang. Es gibt immer mehr wissenschaftliche Beweise dafür, dass es wenigstens einige davon ohne den vom Menschen verursachten Klimawandel kaum gegeben hätte“, kommentiert Michel Jarraud, Generalsekretär der Weltorganisation für Meteorologie (WMO), den aktuellen Wetterkatastrophen-Überblick.

Alles weit weg - und Deutschland? Die Zahl der Tage mit Temperaturen über 30 Grad ist seit 1951 von drei auf acht pro Jahr gestiegen. Nicht dramatisch, Mitteleuropa ist kein Brennpunkt des Klimawandels. Deutlich spürbar sind Folgen der Erderwärmung dennoch auch bei uns.

Am Wochenende wurde in Berlin erstmals ein „Monitoringbericht der Bundesregierung zur Anpassung an den Klimawandel“ vorgelegt. Auf 258 Seiten haben Experten aus Ministerien, wissenschaftlichen Einrichtungen und privaten Institutionen zusammengetragen, welche Herausforderungen klimatische Veränderungen für die Gesundheit der Menschen, die Versorgung mit Wasser und Energie, den Verkehr, Städteplanung und Wirtschaft in Deutschland nach sich ziehen.

Hinter der Heiße-Tage-Statistik steckt mehr als „Ab ins Freibad!“: Während der Sommer-Hitzewelle 2003 mussten laut Monitoring-Report über 30 europäische Kernkraftwerke ihre Stromproduktion drosseln, weil wegen der Trockenheit das Kühlwasser aus den Flüssen nicht reichte.

Hitze belastet vor allem Alte, Kranke und Kinder - 2003 schlug sich das deutlich in der Sterbestatistik nieder. In Süddeutschland breiten sich zudem neue, wärmeliebende Insekten wie die Tigermücke aus. Sie können schwere Krankheiten wie Malaria oder Dengue-Fieber übertragen. Trockenstress oder am anderen Ende Stürme, Starkregen und Hagel bringen der Landwirtschaft große Qualitätsschwankungen und Ertragseinbußen.

Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamtes: „Wir können den Klimawandel nicht mehr aufhalten. Selbst wenn wir sofort alle Treibhausgas-Emissionen auf null reduzieren, würde sich das Klima für Hunderte Jahre weiter ändern.“

Eine düstere Prognose - WMO-Chef Jarraud ergänzte sie gestern um einen besorgniserregenden Rekord: „Die weltweite durchschnittliche Konzentration von klimaschädlichem Kohlendioxid in der Atmosphäre hat für den kompletten März erstmals seit Beginn der Messungen den Wert von 400 Teilchen pro Million (ppm) überschritten.“ Die wärmere Zukunft werde viele kommende Generationen treffen. (mit dpa) www.klimaretter.info

Hintergrund: Sommerhitze und Stürme - Spuren der Veränderung in Deutschland

Allergene: Riskante Einwanderer

• Seit den 1990ern hat sich die Beifuß-Ambrosie (Foto)in allen Bundesländern ausgebreitet. Das wird erheblich dem Klimawandel zugeschrieben. Das Problem: Die Pollen der Beifuß-Ambrosie gelten als hoch allergen, können in kleinsten Konzentrationen Heuschnupfen oder Asthma auslösen. Rund 18 Millionen Menschen leiden in Deutschland unter allergischen Erkrankungen.

Sommer: Hitze kostet Leben

• Im Hitzesommer 2003 starben in Hessen 781 Menschen mehr als für einen normalen Sommer zu erwarten gewesen wäre. Gefährdet sind vor allem Städte: Sie sollen mit Grün- und Wasserflächen gegenhalten. Bessere Vorhersagen, Telefonketten, Schulung von Pflegepersonal sollen Senioren zu ausreichendem Trinken anhalten.

Wald: Fichte gerät in Stress

• Die Fichte (Foto) wird unter den sich verändernden Klimabedingungen zunehmend ungünstige Wuchsbedingungen vorfinden. In der Folge von Hitze- und Trockenjahren sowie Sturmereignissen gibt es im Wald erhöhten Schadholzanfall, wenn Insekten wie Borkenkäfer und Buchdrucker geschwächte Bäume befallen. Ziel: Waldumbau zu stabilerem Mischwald.

• Die Erhaltung von Dauergrünland soll landwirtschaftlich genutzte Böden vor Klimawandelfolgen schützen - der Trend geht genau in die Gegenrichtung.

Fischer: Knurrhahn statt Kabeljau

• Roter Knurrhahn (Foto), Streifenbarbe und Sardine, typisch südeuropäische Fischarten, gehen zunehmend auch in die Netze von Nordseefischern. Der kälteliebende Kabeljau wandert dafür Richtung Norden aus.

Stürme: Schäden werden teurer

• Starke Stürme und Unwetter verursachen Versicherern hohe Kosten in der privaten Wohngebäudeversicherung. Seit 1990 zeigt sich ein signifikanter Trend steigender Schadenssummen- wie entstanden in Bützow (Mecklenburg-Vorpommern), das kürzlich ein Tornado verwüstete. Die Stürme Kyrill und Xynthia brachten 2007 und 2010 auch schwerere Schäden an Stromnetzen im Vergleich zu anderen Jahren.

• Steigende Meeresspiegel haben in Nord- und Ostsee laut Bundesregierung bisher allerdings keine statistisch nachweisbaren Auswirkungen auf die Intensität von Sturmfluten.

Urlaub: Noch die alten Ziele

• Im Reiseverhalten der Deutschen spiegelt sich laut Monitoring-Report bislang keine der möglichen mit dem Klimawandel verbundenen Entwicklungen. Die Marktanteile des Inlandstourismus (im Bild ein Strandkorb an der Ostsee) sowie des Mittelmeerraums sind stabil. Für Westeuropa und Skandinavien, möglichen Profiteuren des Klimawandels, ist die Entwicklung in den letzten Jahren signifikant rückläufig.

Quelle: BMU-Report

Hilfe für stärker betroffene Länder

Neue Getreidesorten im Test, bessere Wetterprognosen und Infonetze, mehr Geld für den Hochwasserschutz, mehr Katastrophenhelfer - das sind Schritte zur Anpassung. Aber, warnt Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamtes: "Die Bemühungen um eine gute Anpassung an die Folgen des Klimawandels dürfen nicht an den deutschen Grenzen haltmachen. Entwicklungsländer sind von Wetterextremen und verschlechterten Anbaubedingungen infolge der Erderwärmung häufig besonders stark und zunehmend betroffen. Deutschland muss diese Länder bei der Anpassung unterstützen."

Zahl der Hitzetoten, Blaualgenbelastung von Badeseen, Intensität von Sturmfluten, Vorsorge der Bevölkerung - mit rund 100 Maßzahlen bewertet das Monitoring der Bundesregierung die Anpassung an den Klimawandel.

Der ganze Report im Internet

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