Kommentar zum Anschlag in Afghanistan: "Bittere Wahrheit"

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Ullrich Riedler

In Afghanistan wurden bei einem Anschlag auf ein Militärcamp ein US-Offizier getötet und ein deutscher General verletzt. Ein Kommentar von Nachrichtenredakteur Ullrich Riedler.

Militärisch reingehen ist leicht, doch friedlich und erfolgreich rausgehen viel schwieriger. So war es im Irak, der einer der gefährlichsten Flecken dieser Erde geworden ist. Und so ist es in Afghanistan, wo das „nation building“, also die Vermittlung einer einheitlichen Identität in einem von Stammeskämpfen zerrissenen Land kaum gelungen ist.

Hinzu kommt, dass der allmähliche Abzug der internationalen Kampftruppen Isaf von Anschlägen begleitet wird. Das Attentat auf den Cousin des scheidenden Präsidenten Karsai, die tödlichen Schüsse eines Polizisten auf die deutsche Fotoreporterin Anja Niedringhaus sind nur einige Beispiele. Gestern starb ein hoher US-Offizier bei einem Attentat in einem britischen Camp, ein deutscher General wurde verwundet.

Welch trostlose Bilanz: Auch fast 13 Jahre nach Beginn der Afghanistan-Mission ist es den Amerikanern und ihren Bündnispartnern nicht gelungen, dieses wilde, karge Land zu befrieden. Die Präsidentschaftswahl muss wegen Manipulationsvorwürfen neu ausgezählt werden. Die wahren Herrscher bleiben die Taliban, die sogar noch gefährlicher ausgerüstet werden, weil die USA bei ihrem Militäreinsatz die Kontrolle über große Waffenkontingente verloren haben.

Der Westen steht vor den Scherben seiner militärischen Außenpolitik. Entweder hätte man gleich zu Beginn wissen müssen, dass sich solche Kulturen nicht nach unserem Vorbild demokratisieren lassen. Oder man hätte aus politischer Opportunität nicht so sang- und klanglos den Rücktritt antreten dürfen, wie es jetzt Barack Obama tut. Denn wenn die Isaf-Truppen bis Ende dieses Jahres Afghanistan verlassen, ist nichts gewonnen. Fortschritte bei der Gesundheitsversorgung und im Bildungswesen wiegen die gravierenden Defizite des weiterhin gefährlich instabilen Landes bei weitem nicht auf.

Hinzu kommt, dass es den Afghanen nicht gelungen ist, die Korruption einzudämmen und ein funktionierendes Wirtschaftssystem aufzubauen. Insofern muss der Westen künftig bei seiner Entwicklungshilfestrategie auf Sachhilfe statt auf Geldströme setzen. Gut möglich, dass die Isaf auch eine länger dauernde und besser abgesicherte Exit-Strategie braucht. Denn wenn es die Afghanen nicht bald selbst schaffen, für Stabilität und Sicherheit zu sorgen, droht ein ähnliches Pulverfass wie im Irak.

Mail an den Autor: rie@hna.de

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