Kommentar zu Athen: Die Zeit läuft ab

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Kein EU-Mitglied kann sich seine Spielregeln selber basteln, das muss Griechenland noch lernen, meint HNA-Brüssel-Korrespondent Detlef Drewes.

Die wachsende Verärgerung der Euro-Finanzminister ist verständlich. Athen verspielt nicht nur wichtige Zeit, die es nutzen könnte, um das eigene Land mit dem Geld, was noch bereitsteht, zu sanieren. Viel fataler ist, dass die neue Regierung offenbar immer noch nicht verstanden hat, dass die Währungsunion eine auf rechtsgültig abgeschlossenen Vereinbarungen beruhende Gemeinschaft ist und kein Club, der sich nach Belieben seine Spielregeln selber basteln darf.

Dass die Geldgeber zunächst nach Prüfung der Reformliste grünes Licht geben müssen, ehe sich die Finanzchefs der Mitgliedstaaten überhaupt mit dem Thema befassen, gehört zu der Geschäftsordnung, auf die sich alle eingelassen haben - übrigens auch Griechenland. Dennoch und allen anderslautenden Versprechungen gegenüber befreundeten Staats- und Regierungschefs zum Trotz will die hellenische Regierung offenbar die Partner weichkochen und so Zugeständnisse erzwingen.

Aber das wird nicht funktionieren. Die Verärgerung ist zu groß, das Misstrauen zu verbreitet - niemand ist bereit, Athen auch nur einen Schritt entgegenzukommen, wenn die griechische Führung nicht ihrerseits Entgegenkommen signalisiert - und vor allem in Gesetze gießt.

Mag sein, dass sich durch diese Hinhalte-Taktik, die andere in Brüssel als Springprozession bezeichnen, die Gefahr eines zufälligen Grexits vergrößert. Aber das wäre längst kein Unfall mehr, der die Währungsunion schreckt. Zumal Athen durch seine Attacken gegen den Internationalen Währungsfonds sich nicht nur Feinde in Europa, sondern in aller Welt gemacht hat. Denn in der IWF-Kasse in Washington liegt das Geld vieler Mitgliedstaaten, nicht nur aus dem Euro-Raum.

Dass Premierminister Alexis Tsipras glaubt, er könne die Euro-Familie mit der Drohung eines Referendums schocken, hat auch viel mit einer Fehleinschätzung seiner Lage zu tun. Die Griechen werden ihrem Regierungschef keinen Freibrief für einen Ausstieg aus dem Euro geben. Und dann muss Tsipras eben doch einlenken. Aber er wird viel Zeit vertan haben, die niemand mehr bräuchte als die Menschen in Griechenland. Denn es geht um sie.

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