Kommentar zur Flüchtlingskrise: Wir müssen das Teilen lernen

Die wachsende Zahl der Flüchtlinge stellt Aufnahmeländer wie Deutschland vor immer größere Herausforderungen. Ein Kommentar von Jan Schlüter, stellvertretender Chefredakteur der HNA.

Sie ist ein Dauerbrenner, aber welcher Politiker in einer der vielen Fernseh-Talk-Runden denkt schon über den Tag hinaus? Die wahre Dimension des Flüchtlingsproblems wird immer noch verdrängt.

Dabei ist klar, dass der Strom der Ankommenden etwa aus Syrien und Afghanistan und anderen Kriegsgebieten nicht abflauen wird. Wer jahrelang ohne Hoffnung in einem der riesigen, überfüllten Flüchtlingslager in den wüstenähnlichen Regionen des Nahen Ostens vegetiert hat, sucht jetzt eine bessere Alternative. Und die heißt Zentraleuropa. Weder strengere Asylgesetze noch Mauern und Stacheldraht werden verhindern, dass bis zum Ende des kommenden Jahres eineinhalb bis zwei Millionen Flüchtlinge in Deutschland sein werden. Da ist es unsinnig, darüber zu streiten, ob es richtig war, die Menschen ins Land zu lassen. Sie sind da. Und die auffällig vielen jungen Männer werden alles daransetzen, ihre Verwandten nachzuholen.

Noch überlassen wir die Bewältigung des Problems zu einem großen Teil Profis, sprich Institutionen: von der Bundespolizei über Landesbehörden bis zu privaten Wachdiensten und karitativen Hilfsorganisationen in den Kommunen. Die aber stoßen schon heute an ihre Grenzen, manche sind total überfordert. Mehr Polizisten, Richter, Lehrer und Wachleute einzustellen, liegt nahe, braucht aber Zeit und kostet viel Geld.

Ein Fehler ist es auch zu glauben, dass sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge zügig abgeschoben werden können. Es werden Gerichte bemüht werden, die auf den Ansturm nicht vorbereitet sind. Deshalb sind noch längere Wartezeiten zu erwarten.

Und es wird nicht mehr funktionieren, die Flüchtlinge in leer stehenden Kasernen und verlassenen Lagerhallen einzuquartieren. Dass Zelte wegen der Enge und Kälte keine dauerhafte Alternative sind, ist ohnehin klar. Feste Wohnungen aber lassen sich in den erforderlichen Mengen nicht binnen weniger Monate aus dem Boden stampfen.

Schließlich ist es falsch zu behaupten, die Flüchtlingskrise lasse sich mit den Überschüssen im Bundesetat bewältigen. Schon bald kann es wieder Zeiten mit weniger stark sprudelnden Steuerquellen geben.

Es gibt jede Menge engagierter Menschen – das ist großartig. Doch so hart das auch klingen mag: mit Altkleiderspenden, Sportprojekten und Kennenlern-Spaziergängen ist es nicht getan. Wir müssen das Teilen lernen. Menschen bei uns aufnehmen wird auch heißen, sie freiwillig in freien Zimmern in unseren Häusern unterzubringen, persönliche Patenschaften und privaten Deutschunterricht zu fördern.

Und wir müssen auf Dinge verzichten: Um Hunderttausende Wohnungen zu errichten, dürfen es auch einige Kilometer Autobahn-Neubau weniger sein. Das ist das Mindeste.

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