"Würdeloses Treffen"

Kommentar zu dem Besuch des französischen Ministerpräsidenten in Berlin

Europas Zusammenhalt hängt von dem Verhältnis Paris-Berlin ab. Seit einiger Zeit knirscht es. Ein Tête-à-Tête der Kanzlerin mit dem neuen französischen Premier Manuel Valls macht noch keine Freundschaft. Ein Kommentar von HNA-Nachrichtenredakteur Tibor Pésza.

Wenn aus der vergleichsweise kurzen Geschichte der Eurozone eine schmerzhafte Lehre zu ziehen war, dann war es die, dass die verheerende europäische Schuldenkrise mit einem Sündenfall begann - dem kaltblütigen Bruch der in der Gemeinschaft gerade erst vereinbarten Verschuldungsregeln durch Deutschland unter Bundeskanzler Gerhard Schröder. Das setzte, besser: zersetzte die Maßstäbe - und zwar für alle.

Das Verfrühstücken der Zukunft wurde in Europa Mode. Solange, bis die internationalen Kreditgeber den überschuldeten europäischen Krisenstaaten das Vertrauen entzogen. Und Deutschland in milliardenschwere Risiken eintreten musste, um drohende Bankrotte von Partnerländern und den Zusammenbruch der Gemeinschaftswährung zu verhindern.

Aber warum sollen beispielsweise estnische oder slowakische Rentner den Gürtel enger schnallen, damit französische es nicht tun müssen? Warum sollten finnische Arbeiter länger und härter arbeiten als französische? Deutschland freilich kann in Europa nicht mehr sonderlich gut Ratschläge erteilen, seit die Große Koalition in Berlin Milliardengeschenke an willkürlich ausgewählte Jahrgänge verteilt - und anderen verweigert.

Doch der französische Reformstau übertrifft dies bei weitem. Es gibt so oder so keinen Grund für Berlin, Frankreich die Hand zu einer wieder einmal verlängerten Reformverweigerung zu reichen. Frankreich hat genügend Vereinbarungen ignoriert. Es hat genug Zeit gehabt.

Solange François Hollande und Manuel Valls rhetorisch auf dem Gaspedal, tatsächlich aber auf der Bremse stehen, taugen sie als Ritter der traurigen Gestalt. Aber nicht als glaubwürdige Verhandlungspartner. Sie müssen jetzt eins zu eins tun, was ihr Land zugesagt hat. Sinnvollerweise sollten sie das in Paris tun, statt in Berlin zu versuchen, unter der Türmatte hindurch doch wieder ins Verhandlungszimmer zu gelangen.

E-Mail an den Autor: tpa@hna.de

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