Kommentar zu Camerons Flüchtlingspolitik: Endlich aufgewacht

Katrin Pribyl über die britische Asylpolitik

Großbritanniens Premier David Cameron hat eine veränderte Flüchtlingspolitik angekündigt. Dazu ein Kommentar unserer Londoner Korrespondentin Katrin Pribyl.

Das Königreich ist aufgewacht. Es hat sein Mitgefühl wiederentdeckt. Und die „moralische Pflicht“ erkannt, wie Premierminister David Cameron es bezeichnete.

Endlich, möchte man sagen, nachdem wochenlang viele Politiker und konservative Medien auf teilweise beschämende Art und Weise gegen Einwanderer und Flüchtlinge wetterten – ohne einen Unterschied zu machen, welche Beweggründe die Menschen hatten, die sich Richtung Großbritannien aufmachten oder woher sie kamen.

Dann löste das Foto des ertrunkenen Flüchtlingsjungen auf fast allen Titelseiten größte Bestürzung aus und plötzlich werden Flüchtlinge nicht mehr als Sozialschmarotzer verunglimpft, sondern als Menschen betrachtet, die Hilfe benötigen. Eine Boulevardzeitung, die noch vor einem Monat fragte, warum „unsere kläglichen Politiker nicht ein paar Tausend erschöpfte Flüchtlinge“ abzuwehren vermögen, hat den Tenor ihrer Berichterstattung genauso geändert wie andere Medien und Abgeordnete.

Das hat lange genug gedauert und es ist traurig, dass es das Bild des toten Jungen brauchte. Tausende Kinder, Mütter und Väter aus Krisen- und Kriegsgebieten sind in den vergangenen Jahren umgekommen - in ihren Heimatländern, im Mittelmeer oder in Europa. Die Differenzierung zwischen der verschwindend geringen Zahl jener, die es auf das britische Sozialsystem abgesehen haben, jenen EU-Bürgern, die mit Job im Gepäck auf ein besseres Leben hoffen und den Verzweifelten, die vor Krieg und Leid flüchten, war längst überfällig.

Viel zu lang blieb Camerons Abschreckungs-Strategie geprägt von einer defensiven Engstirnigkeit. Er hatte Angst vor den Schlagzeilen der konservativen Presse, den Rechtspopulisten der Anti-EU Partei Ukip und den Politikern in den eigenen Tories–Reihen, die in Migranten Sündenböcke für das sehen, was im Königreich schiefläuft.

Großbritannien kann die Grenzen nicht für die ganze Welt öffnen. Aber die Taktik der Regierung, so viele Flüchtlinge wie nur möglich fernzuhalten, war beschämend. Nun hat sich die Stimmung in vielen Teilen der Bevölkerung gewandelt und der Druck auf Westminster ist zu groß geworden. Den Menschen, die im „Dschungel“ von Calais ausharren, wird das wenig helfen. London will, um indirekt gegen Schleuser vorzugehen, nur Flüchtlinge aufnehmen, die derzeit in den Camps an der syrischen Grenze leben. Vor Ort Hilfe anzubieten und damit eine sichere Überfahrt zu gewährleisten, ist ein richtiger Schritt gegen Menschenschlepper und sollte als Vorbild für andere Staaten dienen.

Es gibt nur ein Problem: Was passiert mit den hunderttausenden Menschen, die bereits in Europa gelandet sind?

Kontakt zur Autorin: nachrichten@hna.de

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