Kommentar zur Einigung der Euroländer mit Griechenland: Jetzt geht es erst richtig los

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Dramatische Stunden in Brüssel: Seit Samstag haben die Finanzminister und später die Staats- und Regierungschefs praktisch nonstop gerungen. Am Ende gelang ihnen ein Kompromiss, der den Griechen neue Hilfen ermöglichen soll. Ein Kommentar von HNA-Nachrichtenchef Tibor Pézsa.

Wohlbemerkt: Nach 17-stündigen Verhandlungen haben die Euroländer kein drittes Hilfsprogramm für das notorisch überschuldete Griechenland beschlossen. Sie haben beschlossen, wie der Weg zu einem neuen Programm gegen neue Reformversprechen aussehen könnte.

Es ist bezeichnend, dass bis zuletzt der Streit um den Treuhandfonds zwischen den Griechen und ihren Gläubigern stand. Letztere wollen und können nämlich nur helfen, wenn es eine Aussicht darauf gibt, dass die Griechen sich auch selbst helfen wollen. So soll - wenn die jetzige Einigung denn Bestand vor den nationalen Parlamenten haben sollte - mit dem Privatisierungsfonds zugleich auch das Prinzip Verantwortung gestärkt werden.

Wer Geld nimmt, muss dafür etwas tun, verliert Souveränität. Schulden machen unfrei. Griechenland hat quälende Jahre der Unfreiheit vor sich. Das ist der Preis des Euro in einem Land, das besser nie in die Gemeinschaftswährung aufgenommen worden wäre, weil es noch nie die dafür nötigen Bedingungen erfüllt hat.

Ob das Brüsseler Verhandlungsergebnis in Griechenland mehrheitsfähig ist, muss sich zeigen. Zweifel sind angebracht. Immer noch ist das Preis- und Lohnniveau der Griechen im Verhältnis zu ihrer geringen Wettbewerbsfähigkeit viel zu hoch. Das Leiden hat erst begonnen. Und dann sind da ja noch die anderen, die Finnen, die Niederländer, die Slowaken, die Deutschen und all die anderen, die wieder einmal Geld gegen Versprechen tauschen sollen.

Die Bereitschaft der Europäer, noch einmal 86 Milliarden Euro nach Athen fließen zu lassen, vielleicht auch mehr, hat den Eklat zumindest vorläufig verhindert. Dennoch, auch das ist ein Preis der Unfreiheit, zieht sich nun ein tiefer Bruch durch Europa. Das Griechenproblem wird verlängert. Die links- und rechtspopulistischen Kräfte in Europa bekommen noch mehr Munition. Und auch der Bundestag bekommt wieder einmal Gelegenheit zu zeigen, wie weit entfernt vom Willen der großen Mehrheit der Deutschen er agiert.

Der Tag der Entscheidung steht noch bevor.

Aktuelles zur Griechenland-Krise gibt es im Live-Ticker.

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