Nur jeder Fünfte muss auf Urlaub verzichten

Kommentar zur EU-weiten Armutsstatistik: Armut ist keine Zahl

Tibor Pézsa (E-Mail: tpa@hna.de)

Ein Drittel der Deutschen lebt in Haushalten, die nach eigener Einschätzung nicht in der Lage sind, unerwartet anfallende Ausgaben von mehr als 940 Euro aus eigener Kraft zu bestreiten. Ein Kommentar von Tibor Pézsa, Leiter der Nachrichtenredaktion, über die Erhebung "Leben in Europa", die das Statistische Bundesamt gestern vorstellte.

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Die Herkunft dieses geflügelten Wortes ist nicht ganz klar. Aber es mahnt mit Recht zur Vorsicht gegenüber solchen Zahlenwerken. Sie begegnen uns oft, weil es nun einmal viele Behörden und Zuständige für alles Mögliche gibt.

Was also soll uns die EU-weite Erhebung sagen, wonach jeder dritte deutsche Haushalte keine unerwarteten Ausgaben aus eigener Kraft bestreiten kann, aber nur jeder Fünfte auf Urlaub verzichten muss? Wo steckt hier die Nachricht?

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Reflexhaft möchte man wohl glauben, dass die viel zitierte Schere zwischen Arm und Reich weit offen steht. Aber schauen wir mal umgekehrt auf dieselben Zahlen: Zwei Drittel aller Deutschen können auch unvorhergesehene Ausgaben locker wegstecken. 80 Prozent haben Geld für Urlaubsreisen übrig. Und sollten uns nicht die Ohren klingeln, weil es uns in allen untersuchten Bereichen der Statistik besser geht als den europäischen Nachbarn?

Die Wahrheit lautet: Armut ist keine Zahl. Armut hat immer ein Gesicht und einen Namen. Arm ist jene alleinerziehende Mutter, die ihrem Kind keine Klassenfahrt bezahlen kann. Arm ist jener psychisch Kranke, der obdachlos ist, weil ihn niemand mehr aushalten kann. Arm ist jener alte Mensch, der niemanden mehr hat, der sich für ihn interessiert. Armut ist immer hundert Prozent. Und sie ist nah, nicht fern. Auch darüber täuschen Statistiken.

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