Kommentar zu Flüchtlingsdramen auf See: Unser Meer

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Trauriger Alltag im Mittelmeer: Ein überladenes Flüchtlingsboot sinkt, einige Insassen versuchen schwimmend, den vorbeikommenden Frachter „OOC Jaguar“ zu erreichen. Unser Bild entstand während einer Rettungsaktion vor wenigen Tagen.

Außenministern der EU blieb nicht einmal die Zeit, sich bis zum Punkt „Flüchtlinge“ vorzuarbeiten, da ging schon die nächste Katastrophenmeldung vom Mittelmeer ein. Ein Kommentar von Jörg S. Carl.

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Haben Sie kurz Zeit? Dann schauen Sie sich das nebenstehende Foto an – und stellen sich vor, wie im nächsten Moment nur noch die leere Wasserfläche zu sehen ist: Das Meer hat Boot und Menschen einfach verschluckt. Solche Dramen sind fast alltäglich geworden. Jetzt – endlich – wird die Neuauflage einer Seenotrettungsmission für das Mittelmeer gefordert. Die gab es schon mal, hieß Mare Nostrum – wörtlich übersetzt: unser Meer – wurde aber allein Italien überlassen. Als die Regierung in Rom die Rettung Hunderttausender nicht mehr finanzieren konnte, verlegte die EU sich auf die Abschottung der Grenzen. Das geht nun nicht mehr. Es sind auch solche Bilder, die zum Umdenken führen. An der neuen Rettungsmission müssen sich alle EU-Länder beteiligen. Sie muss zivile und militärische Komponenten haben. Es geht darum, Frachter und Boote rechtzeitig zu stoppen, kriminelle Schleuser festzunehmen, Verfahren zur legalen Aufnahme einzuleiten und abgewiesene Flüchtlinge sicher zurückzubringen.

Selbst angesichts dieses Fotos bleibt das Argument richtig, dass Europa nicht alle Menschen aus den Krisenländern aufnehmen kann. Aber es ist moralisch dazu verpflichtet, so schnell wie möglich so viele Flüchtlinge wie möglich zu retten. Das Gebot der Stunde ist, Mitmenschen nicht einfach dem Meer zu überlassen. Oder soll man etwa die, die Rettung brauchen, ertrinken lassen, um Zehntausende andere vermeintlich von der Flucht abzuschrecken? Das wäre Flüchtlingspolitik, die über Leichen geht.

Mit Hilfe eines gesamteuropäischen Verteilungsschlüssels kann das reiche Europa den ums Überleben bangenden Menschen eine neue Heimat anbieten. Das Recht zu bleiben, kann dann je nach Prüfung des Einzelfalls auch vorübergehend sein. Dass sich die EU auf die Organisation und die Finanzierung eines solchen abgestimmten Aufnahmeverfahrens bisher nicht einigen konnte, ist der eigentliche Skandal.

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