Kommentar zum Foto des Flüchtlingskindes Aylan: Tod im Mittelmeer

Der tote Junge wurde an einem Strand nahe des türkischen Ferienorts Bodrum entdeckt.

Ein Bild bewegt die Welt, das Foto des dreijährigen toten syrischen Flüchtlings Aylan Kurdi am Strand des türkischen Bodrum. Dazu ein Kommentar unseres Nachrichtenredakteurs Wolfgang Blieffert.

Menschen zu retten, sei die schönste Erfahrung, die man machen könne, sagte vor wenigen Tagen der Kommandant der Fregatte „Schleswig-Holstein“ in unserem Interview. Marc Metzger berichtete von den vielen Flüchtlingen, die seine Besatzung während ihres Einsatzes im Mittelmeer aufnahm, er erzählte glücklich von einer Geburt eines Kindes an Bord.

Für Aylan Kurdi war kein Retter in der Nähe, als das Boot mit dem Dreijährigen sowie weiteren Flüchtlingen am Mittwochmorgen auf dem Weg vom türkischen Festland zu einer griechischen Ägäs-Insel sank. Nun geht das Bild mit der Leiche des unschuldigen kleinen Aylan um die Welt. Es rührt Millionen Menschen zu Tränen, löst Gefühle wie Trauer und Scham, aber auch Entsetzen und Empörung aus.

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte, lautet eine alte Journalisten-Weisheit. So ist es auch hier. Bilder von toten Flüchtlingen gibt es zwar viele. Aber dieses von dem Jungen mit den dünnen Ärmchen und Beinchen, tot an diesem einsamen Strand mit den sanft ans Ufer laufenden Wellen symbolisiert auf besondere Weise die Flüchtlingstragödie unserer Tage, speziell die des syrischen Volkes. Seit Jahren Opfer des Bürgerkrieges, entkommen aus der Hölle von Kobane, wo der „Islamische Staat“ ein Schreckensregime errichtete, hoffen Zehntausende auf ein neues Leben in einer anderen, friedlicheren Welt. Am Strand von Bodrum fand diese Hoffnung ein trauriges Ende.

Wenn dieses Bild die Welt nicht verändert, haben wir alle versagt, schrieb gestern jemand in den sozialen Netzwerken. Man wünschte sich natürlich, dass dieser Fall nicht eintritt. Doch dass die weltweite Betroffenheit und Bestürzung angesichts dieses Fotos die Flüchtlingspolitik nachhaltig beeinflussen wird, wird sich - diese Prognose sei gewagt - als traurige Illusion erweisen. Nicht nur, weil ähnliche Zusagen schon mehrfach zu hören waren, immer dann, wenn auf einen Schlag wieder mehrere hundert Flüchtlinge im Mittelmeer ertranken. Die Erregung angesichts solcher Bilder ebbt eben so schnell ab, wie sie zuvor zu einer Riesenwelle geworden war.

Nein, Bilder der brutalen Realität wie das des kleinen Aylan wird es noch oft geben. Denn es ist naiv zu glauben, dass sich das komplexe Problembündel, das hinter dem weltweiten Flüchtlingsdrama steckt, mit einem gutgemeinten Federstrich oder einem entschlossenen Schlag durch den gordischen Knoten lösen ließ.

Wahrscheinlich wäre schon viel erreicht, wenn die Politik angesichts der Tragödie an der türkischen Küste zumindest die lösbaren Probleme ein wenig entschlossener und mutiger angehen würde: die ungerechte Flüchtlingsverteilung in Europa etwa oder die ungelösten Abschiebungsfragen. Denn wer den vielen Aylans dieser Welt langfristig helfen möchte, wird nun einmal nicht umhinkommen, chancenlose Asylbewerber und erheblich weniger Hilfebedürftige auch wirklich zurückzuschicken.

Vor allem aber kann das Bild des toten Aylan vielleicht helfen, die aufgeheizte und zum Teil maßlose Debatte der vergangenen Wochen auf das zu konzentrieren, um das es tatsächlich geht: um unschuldige Menschen in oft existenzieller Not.

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