Kommentar zum Gedenken an das Kriegsende: Berechtigte Ängste

Am 70. Jahrestag des Kriegsendes haben gestern weltweit Staats- und Regierungschefs der Millionen Opfer gedacht und vor neuer Zwietracht in Europa gewarnt. Ein Kommentar von HNA-Redakteur Wolfgang Blieffert.

Der 8. Mai 1945 war nicht nur der Tag der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg, sondern vor allem ein Tag der Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. So hat es Bundespräsident Richard von Weizsäcker vor 30 Jahren formuliert. Der Satz war das Ergebnis eines anderen Blicks auf den 8. Mai. Der Perspektivwechsel hatte eine befreiende Wirkung, er ermunterte zu einer unvoreingenommenen Beschäftigung mit der Vergangenheit.

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30 Jahre später hat sich ein weiterer Perspektivwechsel vollzogen. Seit die sowjetische Herrschaft in Osteuropa endete, die Ukraine und die baltischen Staaten staatliche Souveränität erlangten, wird endlich auch der Öffentlichkeit im Westen bewusst, dass 1945 für die Menschen im Osten keinesfalls das Ende der Unterdrückung gekommen war. Die Diktatur wechselte lediglich die Farbe, von braun in rot. Auch in Ostdeutschland.

Deshalb verbieten sich herablassende Bemerkungen über Empfindlichkeiten in der Ukraine, Polen oder dem Baltikum angesichts von Präsident Putins Neurussland-Rhetorik. In diesen Ländern, die unter Hitler und unter Stalin gelitten haben, herrschen berechtigte Ängste vor Putins imperialer Politik und einem Beschwichtigungskurs des Westens.

Der richtige Platz der Kanzlerin ist deshalb nicht heute bei der militärischen Machtdemonstration auf dem Roten Platz, sondern morgen am Grabmal des unbekannten Soldaten in Moskau. Dort, wo die Millionen russischen Gefallenen im Kampf gegen Hitler-Deutschland geehrt werden.

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