Kommentar zur Grenzzaun-Debatte in Europa: Wasser sucht sich seinen Weg

Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner hat von der Notwendigkeit einer „Festung Europa“ gesprochen. Es geht ihr auch um Grenzzäune. Ein Kommentar von Jörg S. Carl.

Die Idee hinter dem Schengen-Abkommen ist so einfach wie gut: Europas Außengrenzen sichern und innerhalb des Bündnisses durchlässig sein. Schengen hat Erleichterungen für Menschen und Waren gebracht. Und gefühlte Freiheit, als Schlagbäume, manche Zöllnerwillkür und Staus beseitigt wurden.

Doch im Angesicht der Millionen Menschen, die nun kommen und noch kommen werden, beginnt sich das politische Bündnis der Europäer aufzulösen. Der Streit der Länder entlang der Balkanroute, der Konflikt zwischen Bayern und Österreich sowie die bestürzend unterschiedliche Auffassung in West- und Osteuropa über die Gebote der Menschlichkeit, zeugen von einer zerrütteten Europäischen Union.

Da verwundert es nicht, dass der Grundsatz „pacta sunt servanda“ (Verträge sind einzuhalten) ignoriert wird, sobald die Herausforderungen übermächtig sind. Das Dublin-Abkommen ist tot, Schengen wird gerade zu Grabe getragen, und Ungarns Regierungschef Viktor Orban schwingt sich zur Ikone erfolgverprechender nationaler Egoismen auf: Seit er die Grenze geschlossen habe, sei die Flüchtlingskrise für sein Land erledigt.

Klar, dass Orbans Beispiel Schule machen würde und andere Länder jetzt über Einzäunung nachdenken. Aber Ungarn taugt nicht als Vorbild - es war nur ein Durchgangsland, dort wollte ohnehin kein Flüchtling leben. Und nun ziehen sie eben daran vorbei.

An Deutschland aber fließt der Flüchtlingsstrom nicht vorüber. Der Strom heißt ja deshalb Strom, weil er sich wie Wasser einen Weg ins gelobte Zielland suchen wird, egal ob Zäune errichtet werden. Weder Maschen- noch Stacheldraht halten verzweifelte Menschen auf der Suche nach Sicherheit, Freiheit und Wohlstand auf.

Was ist die Alternative? Jeder, der behauptet, die Lösung zu kennen, lügt. Die Dimension der Aufgabe sprengt jede Vorstellungskraft, und es gibt keine Blaupausen aus der Vergangenheit - auch deshalb ist die Politik so hilflos. Es gibt nur Annäherungen an die Lösung - Versuch macht womöglich klug.

Wer findet also die Kanäle und Häfen, die den Strom lenken und auffangen? Und wer baut funktionierende Schleusen ein, die ihn kontrollieren? Um Transitzonen an den Grenzen wird man nicht umhin kommen. Wie gesagt: Von Schengen müssen wir uns verabschieden.

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