Kommentar zu Griechenland: Europa ist nicht erpressbar

Vor der neuen Verhandlungsrunde mit den Euroländern verlangen die Geldgeber schnelle Vorschläge aus Athen. Ein Kommentar zur Griechenlandkrise von unserem Berliner Korrespondenten Werner Kolhoff.

Geld ist nur Papier und eine Währung nur ein Versprechen: Auf die Stabilität des Systems, das sie ausgibt. Dieser Grundsatz gilt auch für den Euro. Wenn nun die Erpressungsmethode von Alexis Tsipras Erfolg haben sollte, zerbricht die Gemeinschaft, die die Grundlage der Gemeinschaftswährung ist. Dann verliert der Euro in der Folge seinen Wert und wird weich. Weil das nicht kommen darf, muss jetzt Schluss sein mit dem bösen Spiel.

Das ist das Griechisch-Tragische an der seit Sonntag entstandenen Lage: Tsipras’ Manöver hat zwar das griechische Volk mobilisiert und seine eigene Position gestärkt- zugleich aber eine Verhandlungslösung faktisch unmöglich gemacht. Die Methode von Syriza lautete: Man muss nur entschlossen genug „Nein“ rufen, dann knicken die Geldgeber ein. Das Vertrauen in die Gemeinschaftswährung aber wäre weit über Griechenland hinaus erschüttert, wenn diese Methode Erfolg hätte. Ein Nachgeben würde bedeuten: Diese Währung ist abhängig von politischen Emotionen. Und das auf einem höchst komplizierten Vielvölkerkontinent. Von so etwas lässt jeder Anleger lieber die Finger.

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Dass Yanis Varoufakis aus den Verhandlungen zurückgezogen wird, ist nur ein weiterer Schachzug Tsipras’. Er wird nichts mehr nutzen. Auch andere Länder der Eurozone sind Demokratien, haben Parlamente, haben Völker. Und die lassen sich auf diese Art und Weise nicht erpressen. Selbst wenn Angela Merkel, Jean-Claude Juncker und Jeroen Dijsselbloem am Verhandlungstisch einknicken wollten.

Dabei ist die andere, bittere Seite der Wahrheit, dass die Forderung nach einer Umschuldung sogar berechtigt ist und ein solcher Schritt schon lange nötig gewesen wäre. Dass diese Wahrheit den Deutschen und Europäern auch von Merkel so lange absichtlich vorenthalten wurde, gehört mit auf die politische Schlussabrechnung. Freilich hätte ein solcher Schritt mit einem Reformprogramm verbunden sein müssen, für das in Athen in der Vergangenheit die Partner fehlten und bis heute fehlen.

Die Griechenland-Krise war und ist eine total verfahrene Kiste. Es ist an der Zeit, sie so geordnet wie möglich zu beenden. Jedenfalls sollte man das Drama nicht noch weiter verlängern. Das griechische Volk hat entschieden. Es hat Nein gesagt. Das Experiment Euro ist damit vorbei. Die Gläubiger müssen ihre Schulden wohl abschreiben.

Ab jetzt geht es nur noch um den Übergang, um Nothilfen - und um den Wiederaufbau. Denn Griechenland ist ein Kernland Europas. Es muss eine zweite Chance bekommen.

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