Kommentar zum Kirchenasyl: Menschen statt Zahlen

Flüchtlingsstatistiken bestehen nicht allein aus Zahlen, sondern aus Menschen. Warum es richtig ist, wenn religiöse Gemeinschaften mit dem Kirchenasyl auf Flüchtlingsschicksale aufmerksam machen, kommentiert HNA-Redakteurin Tatjana Coerschulte.

Gutmenschen können nervig sein. Sie kosten in den Augen mancher Zeit und Geduld, und sie halten behördliche Abläufe auf. Das zeigt sich beim Kirchenasyl, wenn religiöse Gemeinschaften beschließen, Menschen Zuflucht zu gewähren, die von Amts nicht mehr in Deutschland sein dürften. Wenn die Kirchen solche Fälle publik machen, geben sie aber oft einen erschreckenden Einblick in die Wirklichkeit bundesdeutscher Bürokratie.

Flüchtlingsstatistiken und Abschiebebeschlüsse bestehen nicht allein aus Zahlen und Paragrafen – dahinter stehen Menschen. Manche Fälle lassen sich nicht in der Amtsstube entscheiden, da muss man die Menschen ansehen, ihre Geschichte anhören und Ermessensspielräume ausschöpfen. Wem nützt es, wenn Teenager ohne ihre Eltern in Deutschland bleiben dürfen, Ehefrauen aber ohne Mann ausreisen müssen?

Auf solche Schicksale haben Kirchenasyle und Unterstützer aufmerksam gemacht. Die meisten Deutschen halten sich viel auf ihr reiches Heimatland zugute und auf dessen christliche Kultur. Wohlstand ist aber kein Selbstzweck, sondern auch eine Verpflichtung, Hilfe zu gewähren. Hartherzigkeit hat mit Christentum nichts zu tun, Großzügigkeit schon. Auch darauf machen Gutmenschen mit ihrem Kirchenasyl aufmerksam – so ärgerlich das für manchen sein mag.

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