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Kommentar zu Klaus Wowereits Rücktritt: "Seine Zeit ist abgelaufen"

Am Dienstag hat Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) seinen Rücktritt zum 11. Dezember bekanntgegeben. Ein Kommentar von Hagen Strauß.

Man täte Klaus Wowereit wohl Unrecht, würde man seine Amtszeit allein auf das Berliner Flughafen-Debakel reduzieren. Wowereit hat es geschafft, aus dem nörgelnden, so frustigen Berlin eine Stadt mit facettenreichen Lebensgeistern zu machen. Dass Berlin so hip und in aller Welt beliebt ist, dass die deutsche Hauptstadt sich im Wettbewerb internationaler Metropolen kulturell und zum Teil auch ökonomisch nicht mehr verstecken muss, ist nicht nur, aber auch ein Verdienst des Sozialdemokraten Klaus Wowereit. Nach außen hat er Berlin exzellent vertreten und die Stadt dadurch nach vorn gebracht, selbst in Hollywood kennt man seinen Namen. Nach innen ist die Bilanz des Genossen jedoch bescheiden bis fürchterlich.

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Kein Problem, bei dem sich der durchaus charismatische Wowereit in den letzten Jahren nicht weggeduckt hat. S-Bahn-Chaos? Verkehrsinfarkt? Ghettoisierung ganzer Stadtteile? Unterfinanzierung der Berliner Schulen? "Wo ist eigentlich Wowi?" wurde oft genug in der Vergangenheit von den Berlinern in ihren Eckkneipen gefragt. Arm, aber sexy, ist auf Dauer eben zu wenig. Schon gar nicht ist es ein politisches Konzept für eine Stadt wie Berlin. Und dann doch noch der Großflughafen Berlin-Brandenburg: Sein verbliebenes Renommee hat Wowereit mit dem Chaos am milliardenschweren Airport völlig verspielt, auch wenn für das Debakel nicht er allein der Schuldige ist. Tatkraft, Selbstkritik, das waren aber nie wirklich die Markenzeichen des gebürtigen Berliners, dessen Beliebtheit sich vor allem aus dessen Herkunft, aus seinem Stallgeruch gespeist hat. Um es daher mit den Worten seines mutigen Outings als Homosexueller zu sagen: Wowereit nimmt jetzt seinen Hut, "und das ist auch gut so". Seine Zeit ist schlichtweg abgelaufen.

Eine ähnliche Figur, zumindest mit ein wenig Ausstrahlung, hat die zerstrittene und im schlechten Zustand befindliche Berliner SPD derzeit allerdings nicht zu bieten. Und es ist wie so oft bei Politikern, die jahrelang im Amt sind und ihre Partei von oben her im Alleingang prägen - Wowereit hat keinen hinter sich politisch aufgebaut, der nahtlos in seine Fußstapfen treten und sie zumindest etwas füllen könnte. Wie unklug, wie selbst verliebt. Das wird sich für die Partei an der Spree demnächst noch rächen. Gleichwohl wird auch die Bundes-SPD den Berliner noch vermissen, trotz seiner politisch miserablen Bilanz. Der 60-Jährige vom linken Flügel ist ein wichtiges Zugpferd für die gesamte Partei gewesen. Wowereit hat bundesweit die Säle gefüllt, er, der auch das Leben genießt, hat polarisiert, was für einen Politiker nicht unbedingt schlecht sein muss. Bei all seinen Macken: Einen wie Wowereit muss auch die Bundes-SPD erstmal wieder finden. E-Mail an den Autor: nachrichten@hna.de

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