Kommentar zur Lage in Afghanistan: Fortgesetzte Ratlosigkeit

Die Taliban sind in Afghanistan auf dem Vormarsch. Es drohen neue Flüchtlingswellen. Die Verteidigungsministerin stellt den Bundeswehr-Abzug in Frage. Ein Kommentar von Jörg S. Carl

Und täglich grüßt das Murmeltier. Politisch Interessierte erinnern sich noch an die Einlassungen des einstigen SPD-Vorsitzenden Kurt Beck. Der Rheinland-Pfälzer schlug vor langer, langer Zeit vor, das Gespräch mit den Taliban zu suchen, um einen Ausweg aus dem Krieg am Hindukusch zu finden. An dieser verzweifelten Lage hat sich in Afghanistan trotz ausländischer Intervention und langer, auszehrender Kriegführung nichts geändert.

Nach der vorübergehenden Einnahme der Provinz-Hauptstadt Kundus durch die Extremisten liegen nun wieder dieselben Ansinnen auf dem Tisch: Frieden in Afghanistan sei nur möglich unter Beteiligung der Taliban an der Macht in Kabul sowie der Einbeziehung der regionalen Mächte Pakistan, Iran und Indien.

Die Gründe, warum sich nach dem großen Teilabzug der ausländischen Truppen nichts zum Besseren in Afghanistan gewendet hat, sind vielfältig: korrupte Eliten, zerstrittene Stammesfürsten, eine immer noch schwache Zentralregierung, eine wenig disziplinierte Armee, hohe Arbeitslosigkeit, Armut und Flüchtlingswellen angesichts der wiederkehrenden Bedrohung durch die Taliban. Und über allem liegt der dunkle Schatten der politischen Konzeptionslosigkeit, für die vor allem die US-Regierung unter George W. Bush verantwortlich war.

Ins Bild der sich fortsetzenden Ratlosigkeit der einst so hoffnungsvollen und engagierten westlichen Mächte passt die aktuelle Einlassung von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen, nun doch kein festes Datum für den vollständigen Abzug der Armee festzulegen, sondern situativ zu reagieren.

Also was denn nun? Raus aus Afghanistan? Oder wieder rein nach Afghanistan? Eine zur Ausbildungsmission geschrumpfte Bundeswehr-Truppe noch länger alleinzulassen und eine noch nicht fähige afghanische Armee sich selbst zu überlassen, kann doch wohl nicht die Lösung sein. Wer immer davon redet, Fluchtursachen eindämmen oder gar bekämpfen zu wollen, muss sich auch auf politische und womöglich neue militärische Schritte dafür festlegen.

Mit heute hüh und morgen hott ist weder Afghanistan noch der eigenen Rest-Truppe, die dort ausharrt, geholfen.

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