Schicksalstag 9. November

Kommentar zum Mauerfall: Ein Tag der Demut

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Kassel. Deutschland feiert den 25. Jahrestag des Mauerfalls. Die Grenzöffnung vor einem Viertel Jahrhundert war eines der bedeutendsten Ereignisse in der deutschen Geschichte. Ein Kommentar dazu von HNA-Redakteur Wolfgang Blieffert.

Den 9. November dürfen wir getrost als deutschen Schicksalstag bezeichnen: Ein Tag, der unterschiedliche Facetten der deutschen Geschichte in sich vereint, Tiefpunkte wie Glücksmomente. 1918 Abdankung des Kaisers und Ausrufung der Republik, 1938 Pogromnacht gegen die Juden, und schließlich 1989 die Mauer-Öffnung.

In diesem Jahr überlagert der Fall des Eisernen Vorhangs vor nunmehr einem Vierteljahrhundert das Gedenken. Der 9. November 1989 war ein Tag, der die Geschichte beschleunigte, der Mauerfall ein emotional umstürzendes Ereignis.

Viele weitere Artikel rund um den Mauerfall haben wir in diesem Dossier gebündelt.

Was als vorsichtig-bürokratischer Akt von der SED-Spitze geplant war, um die aufbegehrenden Bürger ruhigzustellen, entwickelte sich innerhalb weniger Stunden zu einem politischen Beben, das zur unkontrollierten Öffnung der Grenzen führte. Die Menschen hatten endgültig die Angst verloren und die Geschichte in die eigene Hand genommen.

Aus heutiger Sicht erscheinen die Ereignisse des Jahres 1989 als logische Entwicklung: Protest gegen gefälschte Kommunalwahl, Anwachsen des Flüchtlingsstroms, Gründung von Bürgerrechtsgruppen, Montagsdemos, Honecker-Rücktritt, Mauerfall. Vergessen wird, dass auch eine gehörige Portion Glück dabei war: Während der friedlichen Revolution gab es keine Toten, es fiel noch nicht einmal ein Schuss. Wer will, darf darin ein Wunder sehen. Denn wie ein Menetekel hing das Massaker vom Pekinger Tiananmen-Platz im Juni desselben Jahres über den Ereignissen in der DDR.

Insofern sollte der morgige Freudentag des Mauerfalls auch mit Demut, mit Dankbarkeit begangen werden. Denn es gab in der deutschen Geschichte auch andere Momente. Diesen dunklen Seiten hat sich unser Land aber in einem schwierigen, oft quälenden Prozess immer wieder gestellt. Manche Historiker haben deshalb von einer lernenden Nation gesprochen. Mehr Lob ist an einem 9. November kaum möglich.

E-Mail an den Autor:  bli@hna.de

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