Kommentar zum Merkel-Besuch in Heidenau: Leichtfertig abgewartet

Nun hat auch die Kanzlerin ein Flüchtlingsheim besucht, das in Heidenau, wo zuletzt Rechtsextremisten Randale machten. Dazu ein Kommentar von unserem Berliner Korrespondenten Werner Kolhoff.

Angela Merkels Besuch in Heidenau kam nicht nur zu spät, er war auch ganz offensichtlich nur eine Reaktion auf die Visite des SPD-Chefs am Montag. Und auf die des Bundespräsidenten in einem Berliner Heim gestern. Man spürt die Absicht - und ist verstimmt. Die ungewöhnlich hektisch organisierte Reise zeigt, dass etwas in Unordnung geraten ist im Machtgefüge der Kanzlerin. Und das schon länger. Siehe NSA- und Verfassungsschutzaffäre, siehe Griechenland.

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Merkel hat sich immer mehr im Kanzleramt eingeschlossen. Diesen geschützten Raumverlässt sie nur noch selten - zu wohl organisierten Bürgerdiskussionen wie Dienstag in Duisburg. Moderation von Krisen, auch internationalen, das ja. Aber keine Positionierungen, die ihrer Kanzlerschaft im Innern gefährlich werden können. Seit Jahren gibt es von ihr keine Reformanstöße mehr. Beim Streitthema Einwanderungsgesetz lautet sogar ihre offizielle Position, dass sie die Diskussion erst einmal beobachten wolle. Auch erklärt sie ihre Politik immer seltener.

Abwarten heißt Merkels Prinzip. Das ist bisher auch ihr Erfolgsgeheimnis. Doch dort, wo politische Führung gefragt ist, ist es kontraproduktiv. Denn wer die Macht hat, etwas Schlimmes zu verhüten, sie aber nicht nutzt, handelt mindestens leichtfertig. Und wenn er sie mit Absicht nicht nutzt, sogar verwerflich.

Machtabsicherung ist legitim, auch ist die Angst, etwas falsch zu machen, im Prinzip keine schlechte Ratgeberin. Wohl aber, wenn sie die einzige ist. Deutschland sollte jedoch nicht von Angst regiert werden.

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