HNA Meinung

Kommentar zum millionsten Flüchtling: Ein deutsches Wunder

Nun ist die Million voll. So viele Menschen aus anderen Ländern sind bisher in diesem Jahr nach Deutschland gekommen und haben sich offiziell registrieren lassen. Ein Kommentar des stellvertretenden Chefredakteurs der HNA, Jan Schlüter.

Sie sind jetzt drin in dem Registrierungssystem, das pikanterweise „Easy“ heißt. Dabei ist schon das bloße Registrieren der vielen Flüchtlinge durch offizielle Stellen alles andere als eine einfache Angelegenheit.

Als die Bundesregierung bekannt gab, dass man in diesem Jahr wohl 800.000 Flüchtlinge erwarte, war bereits klar, dass diese Zahl überschritten würde. Jetzt, wenige Tage vor Jahresende, lässt die Nachricht von der Million kaum noch aufhorchen. Und das ist gut so. Deutschland hat den Flüchtlingsstrom erstaunlich gut angenommen.

Ja, es gab die vielen hinterhältigen und feigen Brandanschläge auf Asylbewerber-Unterkünfte. Und es gab die Pegida-Märsche, die hasserfüllten rechtsradikalen Parolen, das Erstarken der AfD bei Umfragen. Die lauten Krakeler und die brutalen Taten bestimmten lange Zeit die Schlagzeilen in den Medien.

Aber es gibt beim Rückblick auf das Jahr 2015 auch so etwas wie ein deutsches Wunder. Wer hätte schon vorhersagen wollen, wie sich die Deutschen der Kriegs- und Elendsflüchtlinge annehmen. Dass sie es nicht der Regierung und den Wohlfahrtsorganisationen überlassen, sich um die Menschen zu kümmern. Statt dessen rollt auch nach Wochen und Monaten weiterhin eine nie dagewesene Hilfswelle durch das Land.

Längst werden die Ankommenden nicht mehr nur am Münchner Hauptbahnhof mit Applaus begrüßt und mit Wasserflaschen und Wolldecken versorgt. In Städten und Dörfern kümmern sich Menschen aus allen Schichten um die Fremden aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Es gibt ungezählte Initiativen: Deutschkurse, Begegnungscafés, Geldspenden, Kleiderkammern. Sogar Unterkünfte wurden an vielen Orten privat angeboten.

Auf dieses Deutschland können wir stolz sein. Das bedeutet nicht, die Augen vor der Realität zu verschließen. Es bleibt die Frage, ob wir 2016 eine zweite Million Flüchtlinge verkraften können. Es bleibt die Frage, wie viele Familienangehörige nachkommen dürfen. Und natürlich müssen hunderttausende Menschen schnell aus den beengten Erstaufnahme-Einrichtungen herausgebracht werden. Wenn hunderte und zum Teil tausende Flüchtlinge verschiedener Nationen in eilig zusammengezimmerten Holzverschlägen in Industriehallen, Baumärkten und anderen Immobilien untergebracht wurden, sind Konflikte programmiert. Es gibt viel zu tun. jas@hna.de

Rubriklistenbild: © HNA

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