Die Debatte zeigt alles, was man über den Zustand der deutschen Gesellschaft 2018 wissen muss

Hass gegen SPD-Politikerin Sawsan Chebli: Auch Linke dürfen Rolex tragen

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Wegen ihrer Rolex-Uhr am linken Handgelenk in der Kritik: Die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli.

Die aktuelle Debatte um die Rolex-Uhr der SPD-Politikerin Sawsan Chebli zeigt: Deutschland hat nicht nur ein Problem mit Neid, sondern auch mit Sexismus und Rassismus, meint unser Kommentator.

Einerseits ist dieser Kommentar, den Sie hier lesen, komplett überflüssig. Es geht um die gerade heiß diskutierte Frage, ob Linke eine Rolex tragen dürfen. Eine noch bescheuertere Frage wurde schon lange nicht mehr formuliert. Natürlich dürfen Linke eine Rolex tragen - so wie der Revolutionär Che Guevara teure Zigarren rauchen und der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder feine Brioni-Anzüge tragen durfte. Es ist auch vollkommen okay, wenn die Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht Hummer isst, worüber sich manche ebenfalls schon aufregten. Damit wäre die Diskussion eigentlich beendet um die SPD-Politikerin Sawsan Chebli und #Rolexgate.

Trotzdem diskutiert Deutschland seit Freitag um den Zeitmesser am Handgelenk der Berliner Staatssekretärin. Ein Facebook-Nutzer hatte ein vier Jahre altes Foto gepostet, auf dem die 40-Jährige, deren Eltern aus Palästina kommen, eine Rolex-Uhr trägt. Das Modell Date Just kostet 7300 Euro. Der Mann, der laut seinem Profil aus Dortmund kommt, schrieb zu dem Bild: "Alles, was man über den Zustand der deutschen Sozialdemokratie 2018 wissen muss."

Es ist erstaunlich, dass ein Foto aus dem Jahr 2014 das aktuelle Dilemma der SPD auf den Punkt bringen soll. Weniger erstaunlich ist, dass der Post eine Neid-Debatte entfachte, in der es nicht nur um Reichtum, sondern auch um Rassismus und Sexismus geht. Die Debatte zeigt fast alles, was man über den Zustand der deutschen Gesellschaft 2018 wissen muss.

Ein Twitter-Nutzer namens "Lust Pups" etwa twitterte voller Hass: #Chebli, die in ihrem Leben noch nie etwas Richtiges gearbeitet hat, protzt öffentlich mit ihrer durch Steuerabgaben abgepressten 30.000 Euro #Rolex, während die arme Rentnerin Flaschen sammeln muss."

Der Tweet ist so menschenverachtend wie falsch. Chebli stammt aus armen Verhältnissen, hat erfolgreich Politikwissenschaften studiert und für den Berliner Senat gearbeitet. Zwischenzeitlich war sie stellvertretende Sprecherin des Auswärtigen Amts. Nachdem der Shitstorm gegen sie die höchste Sturmstärke erreicht hatte, twitterte die 40-Jährige: "Wer von Euch Hatern hat mit 12 Geschwistern in 2 Zimmern gewohnt, auf dem Boden geschlafen&gegessen, am Wochenende Holz gehackt, weil Kohle zu teuer war? Wer musste Monate für Holzbuntstifte warten? Mir sagt keiner, was Armut ist." Danach drehte sich der Wind in den sozialen Netzwerken.

Trotzdem bleiben Fragen. Etwa: Warum entfacht sich solch eine Debatte ausgerechnet an Chebli, die bereits in der Vergangenheit auffallend oft hart angegangen wurde? Wahrscheinlich weil sie eine gut aussehende Frau mit Migrationshintergrund ist. Ähnlich war es im Fall Mesut Özil. Fußballexperten sind sich einig, dass der mittlerweile ehemalige deutsche Nationalspieler wegen seines phlegmatisch wirkenden, aber sehr erfolgreichen Spielstils niemals so hart kritisiert würde, wenn er Thomas Müller hieße.

Oder die Frage: Warum haben die Deutschen ständig Probleme mit Menschen, die erfolgreich sind? In anderen Ländern ist man stolz darauf, wenn es jemand von unten nach oben geschafft hat und als Zeichen seines Aufstiegs eine teure Rolex trägt, die auch hässlich sein darf. Deutschland hat nicht nur ein Problem mit Rassismus und Sexismus, sondern auch mit Neid. Es wird noch dauern, bis solch ein Kommentar wie dieser überflüssig wird.

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