Kommentar zum Reformstau in Frankreich: Französische Blockade

Der Reformstau in Frankreich ist unbestritten, doch ob Präsident Hollande den Mut hat, ihn aufzulösen, ist fraglich, meint unsere Pariser Korrespondentin Birgit Holzer.

Die Lage ist paradox: Theoretisch stehen fast alle französischen Medien, Parteien und Politiker sowie eine Mehrheit der Bürger hinter Reformen. Wenn Präsident Hollande so unbeliebt ist, dann wegen seinem Bild eines unentschlossenen Zauderers. Die angespannte Wirtschaftslage stärkt noch das Bewusstsein, dass endlich etwas passieren muss, auch wenn es Opfer mit sich bringt.

Doch auf jeden Vorschlag, der eine Veränderung ankündigt und damit per se ein Tabu berührt, folgt ein Tsunami des Protests der Betroffenen: Reformen, ja – aber bitte nicht bei mir. Mit dieser Haltung bremst ein Teil der Sozialisten die eigene Regierung aus und trägt eine Mitschuld an der enormen Enttäuschung über die „lahme Ente“ Hollande.

Traditionell ist die Bereitschaft der Franzosen groß, für soziale Errungenschaften auf die Straße zu gehen. Zu Recht verteidigen sie ein Modell, das vergleichsweise gut vor Armut schützt, einen hohen Mindestlohn vorsieht, Familien und Arbeitnehmer stärkt. Zu Unrecht verwehren sie sich aber einer Modernisierung des Arbeitsmarktes, der längst zwei Klassen kennt: Wer einmal drin ist, der genießt hohen Schutz. Aber gerade deshalb bleiben immer mehr und gerade junge Leute draußen, denn Unternehmen scheuen unbefristete Anstellungen und den Mangel an Flexibilität, die sie mit sich bringen.

Befürworter der 35-Stunden-Woche argumentieren mit der hohen Produktivität französischer Arbeitnehmer, die fast immer deutlich mehr arbeiten. Ausgeglichen werden diese Überstunden oft mit einer Masse an freien Tage, die andere neidisch werden lässt. Tun sich die Sozialisten schwer, diesen Luxus abzuschaffen, den sie selbst einführten, so ging auch der konservative Nicolas Sarkozy aus Furcht vor Protest nicht über eine Abgaben-Befreiung der Überstunden hinaus. Wer zu sehr reformiert, macht sich unbeliebt – doch wer es nicht wagt, auch. Hollande bleibt nur die Flucht nach vorn. Ob sie ihm gelingt?

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.