Nach Charlie-Habdo-Attentaten

Kommentar zum Solidaritätsmarsch in Paris: Chance der Erschütterung

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Millionen gingen am Sonntag in Paris gegen Terror auf die Straße.

Frankreich und die Welt vereint gegen den Terrorismus: Am Sonntag gab es in Paris einen Solidaritätsmarsch für die Opfer von Anschlägen und Morden. Dazu ein Kommentar von Birgit Holzer.

Frankreich danach ist nicht mehr dasselbe. Wie nachhaltig die Anschläge auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo und einen koscheren Lebensmittelmarkt in Paris das Land verändert haben, wird erst die Zeit zeigen. Doch die unmittelbare Reaktion ist überwältigend.

Die unzähligen Initiativen und die Kundgebungen, von denen gestern die größte unter Beteiligung vieler ausländischer Staats- und Regierungschefs stattfand, drücken das Bedürfnis aus, eine geeinte Front gegenüber der unkalkulierbaren Gefahr zu bilden, die von skrupellosen Terroristen ausgeht.

Dabei ist Frankreich nicht zum ersten Mal Schauplatz blindwütiger Anschläge von Mördern geworden, die sich im Dschihad wähnen. Keine drei Jahre liegt die dramatische Jagd auf den 23-jährigen Islamisten Mohammed Merah zurück, der in und um Toulouse drei Soldaten, drei jüdische Kinder und einen Rabbiner erschoss. Auch damals war das Entsetzen groß. Doch das Echo erscheint nun um ein Vielfaches stärker.

Bald wird die Debatte darüber lauter werden, ob es bei der Überwachung und Verfolgung der Terroristen Fehler gab; es werden Lösungsvorschläge zu dem Problem erwartet, dass das Land seine Feinde heranzieht: Die Attentäter waren Franzosen und hatten sich in französischen Gefängnissen radikalisiert. Mehr als 1000 junge Männer und Frauen befinden sich zurzeit in Trainingslagern islamistischer Terroristen im Ausland – tickende Zeitbomben, die eine permanente Bedrohung darstellen. Wie kann ihr begegnet werden? Die Vorratsdatenspeicherung, die deutschen Politikern gerade als Gegenmittel einfällt, hat Frankreich längst eingeführt.

Eine pauschale Verurteilung der Muslime blieb bis jetzt aus. Als gemeinsamer Feind wird nicht der Islam ausgemacht, sondern Terrorismus, der unter dem Vorwand eines Glaubenskrieges mordet. Zumindest momentan dominiert der Wille, mehr denn je zusammenzurücken.

So kann bei aller Tragik auch eine neue Chance für die Nation entstehen, sich wieder als geeinte Wertegemeinschaft wahrzunehmen. Denn das Frankreich „davor“ war zutiefst verunsichert, es fürchtete, durch die Globalisierung und Einwanderer überrollt zu werden und vermisste einen starken Mann an der Spitze. In der Krise ist Präsident Hollande dieser Erwartung bislang gerecht geworden.

Zugleich besteht auch die Gefahr, bestehende Spaltungen zu vergrößern, wie der Streit um den Ausschluss des rechtsextremen Front National vom Gedenkmarsch zeigt.

Aber nicht um Madame Le Pen ging es gestern. Sondern um den Ausdruck eines Zusammengehörigkeitsgefühls, das Partei-, Länder- und kulturelle Grenzen überwindet. Frankreich ist zu wünschen, dass es noch lange von ihm getragen wird.

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