Kommentar zur Sterbehilfe: Das Unikat Mensch

Die Sterbehilfe ist neu geregelt, das hat der Bundestag am Freitag beschlossen. Ein guter Beschluss, meint HNA-Korrespondent Werner Kolhoff.

Dass das Thema Sterbehilfe so eine Dimension bekommen hat, liegt auch daran, dass der Tod in unserer Gesellschaft oft so unwürdig daherkommt: Verzweifelt, allein, in Kliniken, im Heim. Davor hat jeder Angst.

Der zweite Grund für die Debatte ist der drohende Verlust einer moralischen roten Linie. Ob es Ärzte sind, die sich regelrecht auf die Sterbehilfe spezialisiert haben, oder Vereine, die mal mit, mal ohne Gewinnabsicht helfen – immer wird ein Rubikon überschritten. Er besteht darin, dass durch die organisierte, scheinbar problemlose Form ein Druck entsteht: Komm, Oma, hier hast du die Adresse, du weißt, was du zu tun hast. Das ist sozusagen die organisierte, sogar kommerzielle Antwort auf die Vereinzelung des Sterbenden.

Dieses Treiben wird nun unter Strafe gestellt. Zwar wird die Wirkung des gestrigen Beschlusses begrenzt bleiben; die Adressen in der Schweiz, Holland oder Belgien gibt es weiterhin. Aber Deutschland will ein solches Sterbehilfeland (noch) nicht sein. Das hat die Bundestagsmehrheit nach einem eindrucksvollen Diskussionsprozess festgehalten.

Ebenso wichtig ist freilich, dass es trotzdem noch Auswege gibt. Ein Totalverbot, wie es einige Abgeordnete forderten, hätte bedeutet, einen Zwang zum Leben zu verordnen. Wer will ein so großer Richter sein! Ärzten und Angehörigen muss es weiterhin möglich sein, dem Sterbenden passiv zu helfen, so lange der klare Wille erkennbar ist.

Der ehemalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering, der vor einigen Jahren seine eigene Frau beim Sterben begleiten musste, hat gesagt, der Mensch sei ein Unikat, sein Sterben auch. Es gebe keine Regelung für alle Fälle. Gut, dass der Deutsche Bundestag einer solchen Versuchung nicht erlag.

Rubriklistenbild: © nh

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