Kommentar zum Straßburger Sterbehilfe-Urteil: Das Sterben regeln

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Der Fall zeigt, wie wichtig es ist, bei Lebzeiten festzulegen, wie man es mit der Sterbehilfe hält, meint der Brüsseler HNA-Korrespondent Detlef Drewes.

Das Urteil ist auch eine schallende Ohrfeige. Zumindest für die Familie, die seit Jahren öffentlich darüber stritt, was mit ihrem Mann, Sohn und Bruder passieren soll. Dabei hätten alle gemeinsam das tun müssen, was am Ende die Richter taten: Sie bemühten sich, aus Gesprächserinnerungen und früheren Äußerungen ein Bild zusammensetzen, das Antwort auf die Frage geben sollte, was der Koma-Patient selbst für diese Situation festgelegt haben würde.

Aktive und passive Sterbehilfe

Der Fall Vincent Lambert ist ein einziger Appell dafür, sich auf vergleichbare Situationen vorzubereiten und seinen Willen niederzuschreiben. Denn mit einer Patientenverfügung hätten die Angehörigen keinen Spielraum gehabt, eigene Interpretationen und Wünsche auf den Patienten zu übertragen. Und den behandelnden Arzt in die Rolle des „Halbgottes in weiß“ zu drängen, die ihm wahrlich nicht zusteht. Die Gesetzgebung zur Sterbehilfe hat in den meisten EU-Staaten ein hohes und ethisch vertretbares Niveau erreicht. Dabei geht es jetzt gar nicht um die Grenzziehung zwischen aktiver oder passiver Sterbehilfe. Vincent Lamberts Lebensfunktionen werden am Laufen gehalten, weil er zu Lebzeiten nicht klar gemacht hatte, was er für sein Lebensende verfügen wollte. Das mag für einen 38-jährigen Mann verständlich sein. Kaum jemand wird ernsthaft in dieser Lebensphase über seinen Tod nachdenken. Aber die Botschaft dieses Falls und des Urteils aus Straßburg sind deutlich: Auch wenn es schwer fällt, sollte man sich über sein Sterben Gedanken machen - und dies festlegen.

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