Kommentar zum Umgang der Medien mit dem Absturz: "Zweifel zulassen"

Rund um die Uhr  gibt es neue Informationen zum Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen. Über den Umgang der Medien mit der Katastrophe ein Kommentar von HNA-Redakteur Jan Schlüter.

Einige Kollegen gehen sehr weit: Der Flugzeug-Absturz in Südfrankreich war der 11. September für Deutschland. Das ist sicher übertrieben, aber was die Betroffenheit, die Erschütterung, die Wut, die Trauer und auch die Ratlosigkeit betrifft, gibt es deutliche Parallelen. Sprachlos, ratlos, unfassbar - diese Worte hörten wir in dieser Woche immer wieder.

Das entsetzliche Unglück mit den 150 Toten löst viele Emotionen aus. Erst recht, seitdem ein Schuldiger gefunden zu sein scheint. Aber die Rätselhaftigkeit der Katastrophe bleibt bestehen. Begierig suchen wir Journalisten, aber auch alle Fernsehzuschauer und Zeitungsleser nach harten Fakten. Denn den ganzen Tag über werden wir auf allen medialen Kanälen vor allem von Absturztheorien, Vermutungen und Spekulationen berieselt - vom Frühstücksfernsehen bis zur spätabendlichen Talk-Runde, in jeder Nachrichtensendung und ebenso in den vielen Sondersendungen. Experten und auch manche selbst ernannte Experten wissen oft wenig, aber vieles besser.

Unter der Wucht des Ereignisses und dem fortdauernden Beschuss mit Informationsschnipseln ist es für uns Medienmacher besonders wichtig, nicht in die Vorverurteilungsmaschinerie zu geraten. Das zu stillende Bedürfnis der Online- und Zeitungskonsumenten nach Informationen zum Absturz, zur Technik, zur Fluggesellschaft, zur Bergung der Leichen, zur Ursachenermittlung, zu den ungezählten öffentlichen Trauerbekundungen und natürlich auch zu dem mutmaßlichen Täter bildet keinen Gegensatz zu journalistischer Sorgfalt. Es gilt, den Zweifel auch dann zuzulassen, wenn eine Nachricht auf den ersten Blick auch noch so klar scheint. Sorgfalt und Vorsicht sind gerade im Moment großer emotionaler Betroffenheit wichtig.

Es ist gut, dass meine Redaktionskollegen intensiv und kontrovers über unsere Rolle als Nachrichtenverbreiter debattieren - auch darüber, ob ein Foto des Co-Piloten und sein ganzer Name veröffentlicht werden sollten. Wir haben es getan, weil er schon jetzt eine Person der Zeitgeschichte ist. Während die Bild-Zeitung sensationsheischend mit einem Riesenfoto auf der Titelseite den Co-Piloten an den Pranger stellte, stand der HNA-Schlagzeile die Quelle voran. „Ermittler: Co-Pilot brachte Airbus zum Absturz“.

Rubriklistenbild: © Schäfer

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