Journalismus in den USA

Kommentar: Unvergesslich in Amerika

Mit Blick auf die rechtlichen Möglichkeiten der journalistischen Recherche ist Amerika, oder genauer gesagt Florida, ein Paradies. Nur ein paar Klicks im Internet und schon wird eine Person gläsern: Dazu braucht man nur den Namen und das Geburtsdatum. Ein Kommentar von HNA-Volontär Max Holscher.

Aus einer kleinen Geschichte wird plötzlich eine große, weil die Hintergründe die Taten erklärbarer machen. Der Bürgermeister hat Kreditschulden. Ah ja, deswegen hat er das Geld genommen. In Deutschland würden die Leser reihenweise ihre Heimatzeitung abbestellen, ihr Boulevardisierung und ethische Abgründe vorwerfen.

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An wenigen Stellen wird der Mentalitätsunterschied beider Länder so deutlich wie beim Datenschutz. "Was, ihr macht in Deutschland keinen Hintergrund-Check? Wie wollt ihr wissen, ob ein Politiker, der kandidiert, nicht korrupt ist?", fragt ein Kollege. "Warum sollen wir den vollen Namen des Unfallfahrers nicht drucken und ihn damit schützen? Er ist doch Schuld", sagt ein anderer Kollege.

Max Holscher

Es ist einiges anders: In Gerichtssälen darf die Verhandlung mitgeschnitten werden. Auch in lokalen Parlamenten. Und nicht nur das: Die Gesetzgebung beeinflusst auch die Einstellung der Bürger. Ein Anruf im Krankenhaus bei einem Unfallopfer macht das deutlich: In Deutschland hätten die Verwandten sofort wieder aufgelegt - aus gutem Grund. Nicht so in Florida. Es wird Auskunft gegeben. Kein Einzelfall, eher die Regel.

Die Unterschiede werden auch im Kleinen sichtbar wie auf Facebook. In Deutschland verwenden viele Nutzer nicht ihren richtigen Namen. Sie sorgen sich um ihre Privatsphäre, veröffentlichen wenig Fotos, wenig persönliche Details. In den USA sieht man das nur selten. Vielleicht machen diese Unterschiede erklärbar, warum die Menschen in den USA sich weniger über die Überwachung und das Ausspionieren persönlicher Daten aufregen als in Deutschland. Es ist ja ohnehin vieles öffentlich.

Am Schluss stellt sich immer die Frage: Was ist besser? Schutz der Privatsphäre oder grenzenlose Offenheit? Aus journalistischer Sicht wäre es auch in Deutschland manchmal hilfreich, die blinden Flecken in den weißen Westen mancher öffentlicher Personen zu kennen. Doch gleichzeitig wirkt die amerikanische, grenzenlose Datenfreiheit auch begrenzend: Sie nimmt Menschen, die keine öffentlichen Personen sind, die Möglichkeit, auf eine zweite Chance. Das Internet vergisst nichts - noch weniger in Amerika.

Max Holscher, 29, ist seit September 2011 HNA-Volontär und arbeitete als „Arthur F. Burns“-Stipendiat zwei Monate lang für den Miami Herald. Der gebürtige Witzenhäuser berichtete von dort auch für die HNA - zum Beispiel in seiner „Miami Harald“-Kolumne.

Rubriklistenbild: © dpa

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