Traumatisierte Gesellschaft

Kommentar zu den Urteilen von Phnom Penh: Ein bisschen Seelenfrieden

Wolfgang Blieffert, E-Mail: bli@hna.de

Wie im Theater geht beim Völkermordtribunal in Kambodscha ein Vorhang auf und gibt den Blick frei auf zwei Alte, die gleich als Verbrecher gegen die Menschlichkeit zu lebenslang verurteilt werden. Nuon Chea und Khieu Samphan, 88 und 83 Jahre alt, sind gebrechlich. "Schuldig" donnert Richter Nil Nonn nach eineinhalb Stunden Urteilsbegründung. Ein Kommentar von HNA-Redakteur Wolfgang Blieffert.

Wer eine Brille trug war verdächtig, wer Bücher las dem Tode geweiht. Verrat stand auf der Tagesordnung: Kinder mussten ihre Eltern denunzieren. Die Familie, die überall in der Welt Sicherheit gibt und Vertrauen lehrt, wurde systematisch zerstört. Auch sie wurde Opfer der wirren Ideologie, mit der die Roten Khmer ihr Land in einen reinen Agrarstaat verwandeln und einen neuen Menschen schaffen wollten. Kein Wunder, dass Kambodschas Gesellschaft vielen Experten bis heute als tief traumatisiert gilt.

Zahlreiche Täter des Schreckensregimes vor über 30 Jahren leben noch heute weitgehend unbehelligt - inmitten der Angehörigen ihrer damaligen Opfer. Dass sich nicht nur wenige Folterknechte wie vor einigen Jahren vor Gericht verantworten mussten, sondern jetzt endlich auch zwei politisch Verantwortliche des Terrorregimes, war deshalb fast wichtiger als das Strafmaß des gestern gefällten Urteils.

Die juristische Aufarbeitung von staatlichen Verbrechen und die gesellschaftliche Bewältigung einer dunklen Vergangenheit sind komplizierte Prozesse. Sie rühren an tief sitzenden seelischen Verletzungen, handeln von Fragen nach Schuld und Scham, Versagen und Verbrechen.

Entgehen kann man ihnen nicht, in Deutschland nach 1945 oder nach 1990 so wenig wie in Kambodscha: Totschweigen oder Verleugnen helfen weder der Gesellschaft als Ganzes noch ihren Menschen persönlich. Denn die Grausamkeiten jener schrecklichen Jahre passierten nicht einfach, sondern es gab Verantwortliche und Täter. Dass dies jetzt in einem Urteil manifest wurde, kann dem geschundenen Land ein bisschen Seelenfrieden verschaffen.

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