Kommentar zum Völkermord an Armeniern: Politiker ohne Format

Armenische Flüchtlinge aus dem osmanischen Reich in Syrien um 1915. © Foto: dpa/Library of Congress

Vor hundert Jahren begannen in der heutigen Türkei die Massaker an Armeniern. Die Türkei verwahrt sich bis heute erbittert dagegen, von „Völkermord“ zu sprechen. Ein Kommentar von HNA-Nachrichtenredakteur Wolfgang Blieffert.

Vorsicht, wir sitzen im Glashaus. Wer sich in diesen Tagen über die türkische Regierung empört, weil sie nicht akzeptieren will, dass die Massaker an den Armeniern von 100 Jahren als Völkermord bezeichnet werden, der sollte bedenken, dass Bundesregierungen sich ähnlich verhalten: Die Ermordung von Zehntausenden Mitgliedern des kleinen Herero-Volkes 1904 durch die Kolonialherren in Deutsch-Südwestafrika wird offiziell bis heute nicht als Völkermord anerkannt. Das ist peinlich, ja empörend.

Und wie war das mit der deutschen Nazi-Vergangenheit? Auch sie wurde über Jahrezehnte beschwiegen. So war die Bundesrepublik wirtschaftlich und militärisch schon lange in den Westen integriert. Aber es waren erst Gesten wie Willy Brandts Kniefall 1970 vor dem Warschauer Ghetto-Mahnmal und die Rede Richard von Weizsäckers über den 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“, die den Deutschen die Rückkehr in die ethisch-moralische Wertegemeinschaft ebneten.

Politiker solchen Formats wünschte man in diesen Tagen auch der Türkei. Politiker, die begreifen, dass nur die selbstkritische Befassung mit den dunklen Seiten der eigenen Geschichte zu einer inneren Befreiung führen kann. In Ankara sieht man dagegen nur engstirnige Bewahrer des nationalistischen und militaristischen Erbes des osmanischen Reiches am Werk. Sie werden den dringend notwendigen Ausgleich mit den Armeniern kaum zustande bringen – 100 Jahre nach dem Völkermord.

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