Viele Lebensmittel werden weggeworfen

Kommt das Ende des Mindesthaltbarkeitsdatums?

Berlin. Fast 35 Jahre schon klebt das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) gesetzlich vorgeschrieben auf deutschen Lebensmittelpackungen - jetzt möchte CSU-Bundesernährungsminister Christian Schmidt es möglichst bald weghaben.

Er findet - was nicht neu ist - die Botschaft des Aufklebers missverständlich: Verbraucher verstünden das MHD allzu oft als Wegwerfdatum. Die meisten Produkte seien aber erheblich länger verwendbar, als auf den Verpackungen im MHD angegeben, argumentierte Schmidt in Interviews. „Wir werfen massenweise gute Lebensmittel weg, weil die Hersteller zu große Sicherheitspuffer eingebaut haben.“

Schmidt würde deshalb das MHD gern durch ein Verfallsdatum ersetzen. Das gibt es beispielsweise bei verpacktem Fleisch.

Bis zum Erreichen des MHD sollte ein Produkt normalerweise in Top-Zustand sein - also den vollen Geschmack behalten, nicht matschig werden oder die Farbe verändern. Hersteller legen das MHD in Eigenregie fest. Sachgemäße Aufbewahrung und intakte Verpackung vorausgesetzt, haften sie bis zu diesem Stichtag. Da geht man lieber auf die sichere Seite - selbst wenn etwa Joghurt aus dem Kühlschrank fünf Tage übers MHD hinaus ohne Bedenken genießbar bleibt.

Das aber müssen Verbraucher wissen: Laut einer Studie, die 2012 Schmidts Vorgängerin Ilse Aigner vorstellte, landen in Deutschland jährlich elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Mehr als die Hälfte davon stammt aus Privathaushalten.

Wegwerf-Verbot

In Frankreich müssen Händler nach einem im Februar beschlossenen Gesetz unverkaufte Nahrungsmittel spenden, verarbeiten, als Tierfutter verwenden oder kompostieren. Die Bundesregierung plant ein solches Wegwerf-Verbot nach bisherigen Angaben nicht.

Schon Aigner wollte Verbraucher mit ihrer Kampagne „Zu gut für die Tonne“ wenigstens auf die richtige Spur bringen: „Gucken, Riechen und vorsichtiges Probieren geben in den meisten Fällen schnell Aufschluss darüber, ob das Lebensmittel noch genießbar ist“ - auch jenseits des MHD.

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Die Grünen erklärten den Vorstoß von CSU-Minister Schmidt zur PR-Aktion. Man könne über die Reform des MHD nachdenken, sagte die verbraucherpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Nicole Maisch (Kassel), unserer Zeitung. Kern des Problems laut Maisch: „Der Löwenanteil des Lebensmittelabfalls sind Produkte wie Brot, Obst und Gemüse, die gar kein Mindesthaltbarkeitsdatum haben.“

Die Grünen-Politikerin forderte stattdessen, schädliche Subventionen abzuschaffen, die auf Überproduktion und „Masse statt Klasse“ setzten. Schritte zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung hätten alle Fraktionen bereits 2012 gemeinsam beschlossen - die setze Schmidt nur nicht um.

Mit seinen jüngsten Überlegungen stoße er sogar in der Unionsfraktion auf Kritik, sagte Maisch. Deren Verbraucherschutz-Beauftragte Mechthild Heil (CDU) habe Schmidt via Twitter korrigiert: „Mindesthaltbarkeitsdatum MHD hat sich bewährt. Für Kampf gegen Lebensmittelverschwendung ist Abschaffung ungeeignet.“ (mit dpa)

Hintergrund

• Würfe in die Tonne halbieren: Die EU-Kommission hat sich 2011 in ihrem „Fahrplan für ein ressourcenschonendes Europa“ zum Ziel gesetzt, die Entsorgung von genusstauglichen Lebensmittelabfällen bis zum Jahr 2020 zu halbieren. Appell an die Mitgliedsstaaten damals: Verbraucher besser aufklären.

• Auftrag an die Regierung: Der Bundestag forderte daraufhin 2012 fraktionsübergreifend unter anderem Konzepte von Erzeugung, Verarbeitung, Gastronomie und Handel gegen die Entstehung von Lebensmittelabfällen - etwa durch das Angebot bedarfsgerechter Portionsgrößen und intelligenter Verpackungen oder durch die Abgabe noch genießbarer Lebensmittel zu wohltätigen Zwecken oder vergünstigten Preisen.

• Richtig kaufen und lagern: „Wir kaufen mehr, als wir brauchen, weil vieles so lecker aussieht. Wir lagern unsere Lebensmittel nicht richtig, sodass sie schneller verderben“, mahnt die Kampagne gegen Lebensmittelverschwendung des Bundesernährungsministeriums. „Wir werfen weg, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist oder in Kürze abläuft. Wir kochen zu viel und verwerten übrig gebliebenes Essen nicht.“

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