SPD-Vorstoß: Abschaffung der Sargpflicht

Kommunen befürchten mehr Verwaltungsaufwand

Wiesbaden. Hessens Muslime haben am Donnerstag während einer Anhörung im Landtag für die Abschaffung der Sargpflicht bei Beerdigungen geworben. Der SPD-Vorstoß stößt auf Kritik bei CDU und FDP.

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Muslime für Abschaffung der Sargpflicht in Deutschland

"Heimat ist da, wo man leben und auch sterben darf", sagte Hamza Wördemann vom Zentralrat der Muslime Deutschland. Das schließe auch die Möglichkeit ein, sich eingehüllt in weißen Tüchern beerdigenzu lassen, wie es im Islam üblich sei.

Einen Vorstoß der SPD-Fraktion, die den Weg zu einer sarglosen Bestattung erleichtern will, unterstützen neben Muslimen und Ausländerbeiräten auch Grüne und Linke. Vertreter der katholischen und der evangelischen Kirche haben zumindest keine theologischen Bedenken.

Nein von Kommunen

Ablehnung kam von Spitzenverbänden der Kommunen, die bei sarglosen Beerdigungen mehr Verwaltungsaufwand befürchten. Die Regierungsfraktionen CDU und FDP haben ihr Nein zum SPD-Vorstoß schon angekündigt.

Die SPD will Städte und Gemeinden verpflichten, Bestattungen ohne Sarg aus weltanschaulichen oder religiösen Gründen zuzulassen. Solche Ausnahmen sehen auch Landesgesetze in Niedersachsen, Thüringen, Schleswig-Holstein, Berlin und NRW vor.

Derzeit werden noch 90 Prozent der Muslime nach ihrem Tod in die alte Heimat überführt und dort beerdigt. Firmen mit 24-Stunden-Hotlines bieten dazu Komplettpakete an - ein Institut in Frankfurt ab 1450 Euro: "Wir sprechen Arabisch, Bosnisch, Englisch, Französisch und Deutsch!" Die junge Generation wolle das nicht mehr, sagte Zentralrats-Mitglied Wördemann. Die erleichterte Möglichkeit, in Deutschland ohne Sarg bestattet zu werden, könne auch die Identifikation der Einwanderer mit Deutschland verstärken.

Vor der Sargzwang-Aufhebung in NRW hatte der Verband Deutscher Bestattungsunternehmen (VDB) gesagt, Särge seien nötig als Transportmittel zum Grab oder um im Krematorium schnell die optimale Verbrennungstemperatur zu erreichen. Im Übrigen, so die VDB-Stellungnahme damals, seien auch in Deutschland noch im Mittelalter und bis ins 19. Jahrhundert Tote ohne Sarg bestattet worden.

Falls der Zwang entfalle, würden zwar weniger Särge benötigt - "gleichzeitig können sich jedoch neue Marktchancen mit der Herstellung von hochwertigen Leichen-/Totentüchern eröffnen". Aus hygienischen Gründen sei es unerheblich, ob ein Körper in Holz oder in Tüchern verwese.

Wichtig sei eine schnelle Bestattung, wie es Islam oder auch Judentum vorsehen, merkte Aeternitas, eine Verbraucherinitiative für Bestattungskultur, im Landtag an.

Stühle für Trauernde auf dem islamischen Friedhof der Sehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln. Hier beerdigt die türkische Gemeinde ihre Toten nach islamischem Ritus schon seit 1866.

Hintergrund

Muslimische Gräber - Blick nach Mekka

• Muslimische Gräberfelder gibt es auf deutschen Friedhöfen schon lange – auf Kassels Westfriedhof zum Beispiel seit 1986. Die Gräber dort sind nach Angaben der Kassel Friedhofsverwaltung von einem Geistlichen so ausgerichtet, dass das Gesicht des Toten – wie der Islam das fordert – nach Mekka blickt. Für die rituelle Totenwaschung bietet die Friedhofskapelle Angehörigen einen eigenen Raum.

• Der türkische Friedhof direkt an der Sehitlik-Moschee im Berliner Stadtteil Neukölln geht auf Bestattungen von Diplomaten des Osmanischen Reiches im 18. und 19. Jahrhundert zurück: Sie konnten zu jenen Zeiten nicht in ihre Heimat überführt werden. Auf dem Friedhof sind auch persische, afghanische, usbekische, arabische, tunesische und andere Muslime jeder Rechtsschule und Richtung begraben.

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