Neues Heim in Osnabrück

Pro & Kontra: Til Schweigers Auftritt im "Maischberger"-Talk

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Til Schweiger

"Politiker ratlos, Gesellschaft gespalten", lautete der Titel von Sandra Maischbergers ARD-Talk am Dienstag zur Flüchtlingskrise. Hauptfigur war der aus Hamburg vom "Tatort"-Dreh ins Studio zugeschaltete Schauspieler Til Schweiger, der sich für Flüchtlinge engagiert und dafür angefeindet wird. Eine Einordnung.

Dieser Satz wird vermutlich in jedem Jahresrückblick zu hören sein. "Sie gehen mir auf den Sack, echt", sagte Schauspieler Til Schweiger am Dienstagabend im ARD-Talk von Sandra Maischberger zu CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, der ihn bei der Gesprächsrunde zur Flüchtlingsdebatte mehrfach unterbrochen hatte.

Nicht nur wegen des Wutausbruchs des "Tatort"-Kommissars, für den er sich später entschuldigte, war die erste Ausgabe nach der Sommerpause bemerkenswert. Schweiger erzählte von wüsten Beschimpfungen, die er wegen seines Engagements für Flüchtlinge fast täglich im Netz um die Ohren gehauen bekommt.

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Sein Vorzeige-Flüchtlingsheim "mit W-Lan, einer Radwerkstatt und einer Holzwerkstatt" will er nun nicht mehr in Osterode verwirklichen, sondern in Osnabrück. Lokalpolitiker aus dem Harz und Medienberichte hatten zuvor Vorwürfe gegen Schweigers Geschäftspartner Wolfgang Koch erhoben. Seine Firma Princess of Finkenwerder arbeite nicht seriös. Nun will Schweiger mit einer Stiftung "viel Kohle" für das Projekt in Osnabrück einsammeln.

"Panorama"-Moderatorin Anja Reschke, die wegen eines "Tagesthemen"-Kommentars im Netz als "Antifa-Nigger-Muslim-Zigeunerhure" beschimpft wurde, kritisierte derweil die Bundesregierung, weil sie sich nicht gegen rassistische Demonstranten wie im sächsischen Freital positioniere.

Den Vorwurf, mit populistischen Aussagen zu zündeln, wies CSU-Politiker Scheuer zurück. Dabei hatte er gerade erst in einem Zeitungsbeitrag erneut vor "massenhaftem Asylmissbrauch" gewarnt. Wirtschaftsjournalist Roland Tichy rechnete vor, dass Deutschland die meisten Flüchtlinge in Europa aufnehme. Eine Gleichung, die sich in jedem Fakten-Check widerlegen lässt. Es wird also weiterhin einiges zu bereden sein.

Der "Maischberger"-Talk ist in der ARD-Mediathek zu sehen: www.ardmediathek.de

Pro: Er rüttelt auf

Til Schweiger vergreift sich im Ton, in der Sache hat er Recht. Widerwärtiger Rassismus tobt sich in sozialen Netzwerken und Online-Kommentaren aus - offen, nicht im Schutz feiger Anonymität. Es ist unerträglich, wenn vor der Flüchtlingsunterkunft in Freital ein Mob Menschen als "Dreck" beschimpft. Wenn anderswo Quartiere für Schutzsuchende angezündet werden. Und es ist furchtbar, dass das viele gleichgültig lässt.

Mark-Christian von Busse (46, Kulturredaktion) versteht Til Schweigers Protest

Wenn auch Politiker sich wegducken statt Flagge zu zeigen, wenn sie sich mit verräterischer Sprache und abwegigen Ideen zu Wort melden, um die "Flut" einzudämmen und bloß keinen Wähler zu verschrecken, kann einen das zornig machen. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer gab genau dieses erbärmlich-lavierende Bild ab.

Schweigers Botschaft ist eigentlich selbstverständlich: Es kommen Menschen in Not, die vor allem eines brauchen: Unterstützung. Sein Verdienst ist, dass er uns wachrütteln will. Unzählige Deutsche - auch das hat der Schauspieler betont - tun bereits ihr Bestes, um zu helfen statt zu hetzen.

Der 51-Jährige leistet ebenfalls einen wichtigen Beitrag: Er hält abscheulichen Attacken stand und meldet sich in der unsäglichen öffentlichen Diskussion unbeirrt zu Wort - übrigens peinlich allein gelassen von Promis aus Film, TV, Sport oder Musikgeschäft, die sonst gern in die Medien drängen. Mir nötigt das Respekt ab.

Kontra: Ein Populist

Die Lieblingsrolle des Schauspielers Til Schweiger ist die beleidigte Leberwurst. Weil seine Filme zwar ein Millionenpublikum finden, er aber weder Preise noch positive Kritiken bekommt, rastet er regelmäßig aus. Nun müsste der Schauspieler aber endlich ganz viele Auszeichnungen bekommen - weil er Flüchtlingen helfen will und sich gegen rassistische Dumpfbacken wehrt, die Ausländer als Dreck bezeichnen und Leute, die sich engagieren, mit dem Unwort "Gutmensch" diskreditieren.

Matthias Lohr (40, Kulturredaktion) findet, dass es sich Schweiger zu einfach macht

Zugleich spielt Schweiger aber doch wieder die beleidigte Leberwurst. Nach einer berechtigten Frage des CSU-Generalsekretärs Andreas Scheuer beleidigte er den Politiker im ARD-Talk von Sandra Maischberger. Er machte den Vorschlag, das Versammlungsrecht und damit einen elementaren Teil der Demokratie abzuschaffen. Er gab der USA, dem Kapitalismus und der Politik ganz allgemein die Schuld - wie es linke Populisten gern tun. Und das Vorzeige-Flüchtlingswohnheim, das er in Osterode schon "in trockenen Tüchern" wähnte, will er nun nicht mehr mit einem umstrittenen Geschäftspartner realisieren, der als Türsteher vor Hamburger Nachtclubs arbeitet, sondern in Osnabrück.

Es ist noch nicht lange her, da forderte der "Tatort"-Kommissar einen Internet-Pranger für Sexualstraftäter. Schweiger ist die Mensch gewordene "Bild"-Zeitung. Manchmal wäre es gut, er würde schweigen.

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