Nordkorea und Südkorea

"Keiner will nuklearen Konflikt": Korea-Experte über die Friedensgespräche

+
Annäherung: Chung Eui Yong (links), Sicherheitsberater des südkoreanischen Präsidenten, traf im März mit einer Delegation Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un (rechts) und dessen Schwester Kim Yo-jong. 

Vor Beginn der Friedensgespräche mit Südkorea am Freitag hat Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un angekündigt, die Atom- und Raketentests seines Landes auszusetzen.

Wir sprachen darüber mit dem unabhängigen Unterhändler und Korea-Experten Wolfgang Nowak.

Kim Jong-un hat angekündigt, Atomversuche und Tests mit Interkontinentalraketen vorläufig zu stoppen. Welches Ziel verfolgt er?

Wolfgang Nowak: Das ist eine sehr kluge Ankündigung. Kim verfolgt das Ziel, diese Forderung von vorneherein aus den kommenden Gesprächen mit Südkorea und den USA herauszunehmen. Nun ist die andere Seite gefordert, einen Schritt auf Nordkorea zuzugehen.

Donald Trump sprach in einer Twitter-Nachricht schon von der Entnuklearisierung Nordkoreas. Ist das wirklich denkbar?

Es muss denkbar werden. Alle im Konflikt involvierten Staaten sind daran interessiert, dass kein nuklearer Konfliktherd entsteht. Es gab ja schon einmal Überlegungen in Südkorea und Japan, sich auch Atomwaffen anzuschaffen. Die Entnuklearisierung Nordkoreas ist das Endziel der nun beginnenden Gespräche. Das wird nicht am Beginn Thema sein. Die Atomwaffen sind die einzige Sicherheitsgarantie, die Nordkorea hat.

Was könnte zukünftig Nordkoreas Sicherheitsgarantie sein?

Es müsste eine Garantie geben, die von allen am Konflikt beteiligten Großmächten ausgesprochen wird. Aber die Nordkoreaner haben die Erfahrung gemacht, dass diese Garantien im Zweifelsfall nicht gelten. Denken wir an die Ukraine. Die hat ihre Atomwaffen abgegeben und anschließend wurde ihr die Krim abgenommen. 

Wir können derzeit jeden Tag in der Zeitung lesen, dass die USA das Atomabkommen mit dem Iran wieder infrage stellen. Das alles sind Entwicklungen, die das Misstrauen der Nordkoreaner stärken.

Wie kann man diesem Misstrauen entgegenwirken?

Das ist schwierig. Es gibt eine Überlegung, dass Nordkorea unter den atomaren Schutzschirm Chinas gestellt wird und die Südkoreaner unter den der USA. Diese gegenseitige Abhängigkeit wollen aber weder die Nordkoreaner noch die Chinesen. Deswegen müssen wir nun einen Prozess starten, der dazu führt, dass Nord- und Südkorea gemeinsame Interessen entwickeln, die einen Krieg verhindern.

Wie realistisch ist überhaupt ein Friedensvertrag?

Ein Friedensvertrag ist realistisch. Beide Länder befinden sich seit Ende des Koreakrieges 1953 immer noch im Kriegszustand. Aber es braucht lange Verhandlungen. Dem steht Trump entgegen, der einen schnellen Deal will. Die beiden koreanischen Länder wollen jedoch langfristige Sicherheiten.

Was hat Donald Trump denn zu den aktuellen Entwicklungen bislang beigetragen?

Die Unberechenbarkeit und Irrationalität von US-Präsident Donald Trump wird sowohl in Nord- als auch in Südkorea als Gefahr gesehen. Südkorea hat die Befürchtung, wenn es sich total an Trump bindet, möglicherweise wider Willen in einen lokalen Krieg hineingezogen zu werden. Trump könnte auf einen seiner vielen Knöpfe drücken, um von einer innenpolitischen Affäre abzulenken. Deswegen wird es nach Jahren erstmals wieder direkte Gespräche zwischen den beiden Ländern geben. So gesehen ist Trump dafür mitverantwortlich.

Halten wir fest: Die Angst vor einem Militärschlag Trumps lässt die Südkoreaner den Friedensprozess vorantreiben.

Ja, das ist ein Motiv.

Gibt es auch wirtschaftliche Interessen?

Natürlich. Ein wirtschaftlicher Zusammenschluss beider Länder würde den Wohlstand im Norden und Süden steigern. Nordkorea verfügt über enorme Rohstoffvorkommen, vor allem von Seltenen Erden. Russland würde dabei auch gewinnen, denn es könnte seine Energie durch Nordkorea nach Japan und Südkorea leiten. Die Nordkoreaner könnten wiederum profitieren und Energie für ihren Verbrauch abzuzweigen.

Droht der Zusammenbruch der nordkoreanischen Wirtschaft, wenn es nicht zu einer Kooperation mit dem Süden kommt?

Das war eine Zeit lang die Hoffnung Südkoreas. Aber daran hat China kein Interesse und würde im Zweifel Nordkorea helfen. China hat ja auch Kim beim Staatsbesuch in Peking im Vorfeld der nun beginnenden Gespräche mit Südkorea und den USA demonstrativ den Rücken gestärkt.

Die derzeitigen Friedensbemühungen werden durchweg positiv beurteilt. Lediglich Japan beurteilt den Prozess negativ. Warum?

Wenn sich alle am Konflikt beteiligten Länder einigen, bleibt Japan außen vor. Denn in allen beteiligten Ländern bestehen Vorbehalte gegen ein aggressives Japan. Und Japan droht im Nachgang der neue große Flugzeugträger für die USA zu werden. Denn sollten die USA einen Teil ihrer Truppen aus Südkorea abziehen, bedeutet das nicht, dass sie ihre militärische Präsenz in der Region verringern. 

Sie könnten, um weiter ein Gegengewicht für China darzustellen, diese nach Japan verlagern. Im Falle eines Friedens gebe es keine militärische Notwendigkeit mehr großer amerikanischer Truppenkontingente nahe der chinesischen Grenze. Wenn wir militärisch denken, dann müssten die USA ein Interesse an einem aggressiven Nordkorea haben. Dies würde eine Präsenz nahe den chinesischen Grenzen rechtfertigen.

Ist es unter den Vorzeichen überhaupt denkbar, dass Trump einem Truppenabzug der USA aus Südkorea zustimmt?

Wenn man den Frieden will, dann ja. Ansonsten wird Nordkorea seine Atomwaffen behalten. Grundsätzlich müssen wir die organisierte Sprachlosigkeit überwinden. Aufgrund der Sanktionen dürfen westliche Diplomaten nicht mit der Führung Nordkoreas sprechen. Das ist grotesk und macht den Konflikt nach wie vor so gefährlich.

Zur Person: Das ist Wolfgang Nowak

Wolfgang Nowak (75) ist Jurist und früherer Politiker. 1999 holte Gerhard Schröder den Parteifreund als Planungschef ins Bundeskanzleramt. Nach seinem Ausscheiden war Nowak von 2003-2012 Geschäftsführer der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft, dem internationalen Forum der Deutschen Bank. Seit 2012 ist der gebürtige Berliner als unabhängiger Unterhändler im Korea-Konflikt unterwegs. Seine Vermittlerrolle geht auf eine Initiative des früheren nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-il zurück.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.