In Deutschland werden für Medikamente hohe Preise erzielt - das hilft auch im Auslandsgeschäft

Kostenflut ist nicht gestoppt

kassel. Jahr für Jahr geben die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland mehr Geld für Medikamente aus. Lagen die jährlichen Kosten 1999 noch bei rund 18,5 Milliarden Euro, wurden 2008 bereits 27 Mrd. Euro für Arzneimittel ausgegeben.

Lediglich nach der Gesundheitsreform 2004 brachen die Ausgaben einmal ein. Grund waren neue Lasten für die Versicherten: Sie müssen seither jedes rezeptfreie Medikament aus eigener Tasche bezahlen. Die Regelung gilt noch – der Spareffekt aber war schnell verpufft. Schon 2006 lagen die Arzneiausgaben wieder höher als vor der Reform.

Erfolgreicher Lobbyismus

Versuche, diese Kosten zu dämpfen, hat es viele gegeben – und viele Interessen, die dagegensprachen. Die Journalisten Elisabeth Niejahr und Rainer Pörtner berichten in einem Buch, wie 2001 der Chef der Chemiegewerkschaft IG BCE, Hubertus Schmoldt, Kanzler Gerhard Schröder (SPD) überredete, seiner Gesundheitsministerin in den Arm zu fallen. Argument: Ulla Schmidts Sparkurs gefährde Arbeitsplätze in Pharmafirmen.

Der Verband forschender Arzneimittelhersteller bot damals an, dem Staat 300 Millionen Mark zu zahlen, wenn Schmidts Arzneisparpaket gekippt werde. Die Ministerin wollte mit einem Preisabschlag auf patentgeschützte Medikamente fast 500 Millionen Mark sparen.

Dass überhaupt jedes neu zugelassene Medikament gleich von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird – und zwar zu Preisen, die die Industrie festlegt - ist eine Regelung, mit der Deutschland ziemlich allein dasteht. Das bestätigt der Fuldaer Gesundheitsökonom Stefan Greß. „In Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz gibt es Positivlisten“, erklärt der Professor für Versorgungsforschung. Nur was auf dieser Liste steht, zahlt die öffentliche Krankenversicherung. Bevor ein Medikament auf eine solche Liste gelangt, wird sein Nutzen geprüft. Es wird dabei mit schon am Markt befindlichen Mitteln verglichen – hat es einen zusätzlichen Nutzen? Und wenn ja – was darf der kosten? Der Preis wird mit den Herstellern verhandelt.

Auch in Deutschland ist die Positivliste immer wieder Thema. Durchgesetzt wurde sie nie. Selbst ein staatliches Institut, das den Nutzen von Medikamenten prüft, gibt es erst seit 2004. Prüfungen, die Kosten versus Nutzen in den Blick nehmen, laufen dort erst an. Und ob ein Mittel weiter von den Kassen bezahlt wird, entscheidet ein Ausschuss aus Kassen-, Ärzte- und Krankenhausvertretern.

Deutschland sei in Sachen Kosten-Nutzen-Prüfungen fünf bis sechs Jahre später dran als zum Beispiel Großbritannien, sagt Greß. Auch dort gebe es keine Positivliste. Mittel ohne Zusatznutzen würden aber viel flotter von der Erstattung ausgeschlossen.

Sparerfolge

International beachtete Sparerfolge erzielen die deutschen Kassen laut Greß mit den Rabattverträgen für Generika. Für kleine Hersteller sei der Preiskampf teils ruinös, berichtet er. Größere Firmen glichen ihre Verluste aber mit höheren Preisen für patentgeschützte Mittel aus.

Vom Versuch des neuen Bundesgesundheitsministers, Kassen und Pharmaindustrie zum Sparen an einen Tisch zu holen, hält der Professor nichts: „Einfluss auf die Preisgestaltung kann nicht im Konsens erzielt werden“, sagt er. „Das hat schon Schröder falsch gemacht.“ Die Hersteller hätten ein zu starkes Interesse an hohen Preisen in Deutschland – Frankreich, Schweiz und die Niederlande blickten nämlich bei ihren Verhandlungen auch auf das Preisniveau bei uns.

STANDPUNKT

Von Katja Schmidt

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