Kassen bedrängen Versicherte - Kranke fühlen sich schikaniert

Berlin. Seinen Bandscheibenvorfall hatte der Mann nach acht Wochen noch nicht los. Die Krankenkasse aber war misstrauisch. Sie schickte den Ingenieur zum Medizinischen Dienst der Kassen (MDK). Der schrieb ein Gutachten und die Kasse hob die Krankschreibung auf.

Obwohl der Mann im Job in leere Industrietanks klettern muss und seinen Rücken nicht schonen kann.

Zunehmend suchen - oft verzweifelte Versicherte - laut Patientenberatern Hilfe, weil ihre Kasse sie wieder zur Arbeit zwingt oder Leistungen nicht zahlen will.

Mehr als 230 000 Mal urteilten MDK-Gutachter 2012 bundesweit, dass krankgeschriebene Arbeitnehmer eigentlich gar nicht mehr arbeitsunfähig sind - in 16 Prozent der untersuchten Fälle. Insgesamt prüfte der MDK 1,47 Millionen Krankschreibungen. Die Entscheidung, eine attestierte Arbeitsunfähigkeit aufzuheben, fällt dann jeweils die Kasse. Daten dazu fehlen laut Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).

Der Fall des Rückenpatienten landete bei Judith Storf, Beraterin der Unabhängigen Patientenberatung (UPD) in Bielefeld. „Bei uns rief dann der Arbeitgeber an“, erzählt Storf. „Er sagte: Wir können das nicht zulassen, die Arbeit ist körperlich zu anstrengend.“

„Nach dem Eindruck der Berater nehmen solche Fälle zu“, sagt Storf. 75 000 Beratungsgespräche wertete die UPD im Jahresbericht 2012/13 aus - der Verdacht in 4900 Fällen: Versicherten werden Leistungen, die ihnen zustehen, verwehrt. Dörte Elß, Beraterin der Verbraucherzentrale Berlin, sagt: „Die Krankenkassen gucken stärker hin, gerade bei Langzeiterkrankten.“ Schon nach wenigen Wochen werde kritisch nachgehakt. Mögliche Erklärung: Die GKV-Ausgaben fürs Krankengeld stiegen allein vergangenes Jahr von 8,5 auf 9,2 Mrd. Euro.

Beim Sozialverband VdK klagen viele Menschen, die Hilfsmittel wie Hörgeräte oder eine Reha nicht so bekommen wie beantragt. Missstände sieht VdK-Präsidentin Ulrike Mascher hier vor allem bei älteren Patienten: Statt Selbstständigkeit wieder zu lernen, kämen sie oft von der Klinik direkt ins Pflegeheim. „Die Krankenkasse muss eine Reha zahlen, den Nutzen hat aber die Pflegekasse.“ Das fördere nicht die Leidenschaft der Kasse, die Reha zu zahlen.

Peter Pick, Geschäftsführer des Medizinischen Diensts des GKV-Spitzenverbands, schließt einzelne Fehler nicht aus. Aber: „Wir führen unsere Begutachtungen sorgfältig durch.“ Und: „Ärzte werden auch immer wieder bedrängt von Versicherten.“

Der Mann mit dem Bandscheibenvorfall wurde für die Hartnäckigkeit seines Arbeitgebers belohnt. Die UPD-Beraterin wies seinen Arzt auf das Recht hin, ein zweites Gutachten bei einem MDK-Facharzt einzufordern. Judith Storf hörte nichts mehr von dem Mann – für sie ein Zeichen dafür, dass er krankgeschrieben blieb. (dpa)

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