Krebsstudie schlägt hohe Wellen

+
Suche nach Opfern: Polizisten in Schutzanzügen durchwühlen Ende März 2011 nahe Fukushima Schuttberge, die Erdbeben und Tsunami zurückgelassen hatten - immer wieder wurde die Arbeit durch Strahlenalarm unterbrochen.

Wiesbaden. Eine kürzlich vorgelegte Studie von UN-Strahlenexperten, darunter der Freiburger Physiker Wolfgang Weiss, erwartet, dass die Krebsrate in Japan sich nach Fukushima nicht erhöht. Kritiker werfen den Wissenschaftlern vor, damit der Atomindustrie in die Hände zu spielen.

Drei Jahre nach dem Atomunfall im japanischen Fukushima sehen sich UN-Wissenschaftler in ersten Vermutungen bestätigt: Die Atomkatastrophe hat das Krebsrisiko für Japans Bevölkerung nicht erkennbar erhöht, so der Freiburger Physiker Wolfgang Weiss, Vorsitzender des UN-Ausschusses zur Untersuchung der Auswirkung der atomaren Strahlung (Unscear).

Der 67-Jährige, bis 2013 beim Bundesamt für Strahlenschutz tätig, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Wirkungen von ionisierender Strahlung. Und er weiß, dass solche Ergebnisse in der Öffentlichkeit auf Verwunderung, zum Teil auch auf harsche Kritik stoßen. „Das von uns untersuchte Krebsrisiko sagt ja nichts über den Gesundheitsstatus der Menschen insgesamt aus, sondern nur über das Risiko aufgrund von Strahlung“, so Weiss im Gespräch mit unserer Zeitung

Schon 2011 hatten die Unscear-Experten vermutet, dass die Auswirkungen von Fukushima viel geringer sein würden als die des Tschernobyl-GAUs 1986. Der Tschernobyl-Bericht von Unscear 2006 ging von bis zu 9000 Strahlentoten aus. Andere Schätzungen sprechen von bis 1,7 Millionen Todesopfern bis 2056 weltweit, die Bezugsgrößen sind völlig unterschiedlich, die Folgen bis heute umstritten.

Die Ergebnisse der UN-Forscher bedeuten laut Weiss aber nicht, dass es keine gesundheitsschädigenden Auswirkungen gibt. Viele Menschen verlören das Vertrauen in die Institutionen, hätten Angst vor der unsichtbaren Gefahr, könnten den Verlust ihrer Heimat nicht verkraften, litten unter Depressionen und Suchtkrankheiten. Diese seien Folgen des Unfalls, aber nicht Folgen von Verstrahlung.

Wolfgang Weiss

Man müsse bedenken, so Weiss, dass die Krebsrate in Japan über alle Krebsarten hinweg bei 35 Prozent liege, das heißt, 35 von 100 Menschen erkranken ohnehin an einem Krebsleiden. Diese Zahl werde sich nicht erkennbar erhöhen, da der Großteil der Bevölkerung nur einer sehr geringen Strahlendosis ausgesetzt worden sei. Laut Weiss liegt das unter anderem an der schnellen Evakuierung der Bevölkerung - ganz anders als in Tschernobyl, wo Menschen in den verseuchten Gebieten blieben, nicht aufgeklärt wurden und, da sie weithin Selbstversorger waren, kontaminierte Milch tranken. Wäre die Evakuierung von 160 000 Menschen in Fukushima unterblieben, hätten sie eine zehnfach höhere Strahlendosis abbekommen, so Weiss.

Die Wissenschaftler erwarten für Japan auch langfristig kein erhöhtes Risiko für Strahlenschäden. Eine Ausnahme macht Weiss aber: Bei rund 1000 Kindern sehe man aufgrund der Untersuchungen ein erhöhtes Krebsrisiko: „Aber dieses Risiko ist gering. Natürlich helfen Eltern keine Statistiken, aber wenn sie ihre Kinder regelmäßig untersuchen lassen, kann eine Erkrankung früh entdeckt werden und die Therapiechancen sind sehr gut.“ Das gelte auch für Helfer der ersten Stunde, die hohe Dosen Jod 131 inhaliert hätten und in einem Nachsorgeprogramm betreut würden.

Sind die Konsequenzen eines GAUs also halb so schlimm? War es falsch, in Deutschland aus der Atomkraft auszusteigen? „Solche Schlussfolgerungen sind falsch“, so Weiss. „Erstens laufen Unfälle nie gleich ab. Zweitens sind sie möglich, es muss also Vorsorge getroffen werden.“ Eine Gesellschaft müsse sich entscheiden, ob sie das Risiko eingehen will oder nicht. „Das wird man in Frankreich, wo die Abhängigkeit von Atomstrom viele höher ist als in Deutschland, anders sehen.“ In Japan, so Weiss, werde ganz anders darüber diskutiert. Dort habe es nicht einen Toten gegeben durch Verstrahlung, aber 50 Tote bei der Evakuierung.

Das sagen Kritiker der Unscear-Untersuchung:

Die internationalen Ärzte für die Verhütung von Atomkriegen (IPPNW) kritisieren, dass Unscear die Risiken für die Menschen in den kontaminierten Gebieten „vertuscht, verharmlost und verschweigt“. Dazu werde die Tatsache genutzt, dass die Mehrzahl der Fälle „nicht kausal mit der Strahlenexposition in Verbindung zu bringen“ sei. Unscear verlasse sich auf Daten staatlicher Institutionen und der Kraftwerksbetreiber. Die IPPNW geht nach Worten ihres stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Alex Rosen in ihren Berechnungen von mehreren Zehntausend zusätzlichen Krebserkrankungen aus. Unscear habe unliebsame Ergebnisse von unabhängigen Nahrungsmittelstichproben ignoriert.

Zur Schätzung des Gesamtausstoßes von Radioaktivität seien Studien der japanischen Atomenergiebehörde herangezogen statt die deutlich höheren Berechnungen unabhängiger Institute zu berücksichtigen. Es sei unumstritten, dass jede noch so kleine Dosis von Radioaktivität mit einem erhöhten Risiko für Krebserkrankungen einhergehe, so Alex von Rosen.

Wie die IPPNW unterstellt auch Greenpeace Unscear, vor allem der Atomindustrie zu nützen.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.