Krebsverdacht: Erdgasförderung in Niedersachsen im Visier

Erdgasförderanlage nahe Rotenburg/Wümme: Schadstoffe im Boden? Foto: dpa

Bothel. 200 Erdgasförderplätze lässt das Land Niedersachsen bis Ende 2016 von unabhängigen Experten untersuchen. Im Herbst sollen erste Ergebnisse vorliegen - und vielleicht endlich Gewissheit für die Menschen in Bothel.

In der kleinen Gemeinde gibt es überdurchschnittlich viele Krebsfälle bei Männern. Auch im nahen Rotenburg (Wümme) hatte eine Auswertung des Krebsregisters eine Häufung ergeben - Ursache unbekannt. Mancher hegt schon länger den Verdacht, dass die Erdgasförderung in der Region dafür verantwortlich sein könnte.

Bürgerinitiativen halten die Messkampagne für überfällig. Im Frühjahr hatte das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) an vier Förderstätten erhöhte Quecksilberwerte gemessen. Nun will man klären, ob der Boden ausgetauscht werden muss.

„Wir haben kein Vertrauen mehr“, sagt Bauer Andreas Ratjens aus Bothel, der sich beim Netzwerk für sauberes Trinkwasser engagiert. Ratjens steht am Rande eines Maisfelds. Daneben ragen Tanks und lange Rohre hinter einem Maschendrahtzaun in die Höhe. 455 dieser Erdgasförderstellen gibt es in Niedersachsen, 95 Prozent des deutschen Erdgases stammt von dort. Ratjens ist froh, dass das LBEG endlich systematisch untersucht, bleibt aber skeptisch: „Was ist mit dem Wasser, was mit der Luft?“

Ebenfalls untersuchen, fordert Kathrin Otte vom Gemeinnützigen Netzwerk für Umweltkranke. LBEG-Präsident Sikorski hält das nicht für nötig. „Der Boden vergisst nicht“, sagt er. Wenn Schadstoffe ausgetreten seien, seien die im Boden nachweisbar. Dass nur 200 der 455 Förderplätze untersucht werden, verstehen die Bürgerinitiativen nicht. Wann und ob die übrigen folgen werden, steht laut LBEG noch nicht fest.

Die 18 Stellen, an denen in Bothel Erdgas gefördert wird oder wurde, werden alle untersucht. Viele Menschen hier haben jemanden in der Familie oder im Freundeskreis, der an Krebs erkrankt ist. Sie alle wollen wissen: Warum? (dpa)

Sonderauswertungen des Epidemiologischen Krebsregister Niedersachsen (u.a. Bothel, Nachbargemeinden und Asse):

http://zu.hna.de/krebsregister

Ähnliche Angst auch an der Asse

• Rund ums marode Atommülllager Asse schreckte 2010 eine klar erhöhte Leukämie-Rate die Menschen auf. Laut Krebsregister Niedersachsen erkrankten in der Samtgemeinde Asse nahe Wolfenbüttel zwischen 2002 und 2009 doppelt so viele Bürger an dem tückischen Blutkrebs als üblich. Bei Männern trat Leukämie C 91-95 in zwölf Fällen auf; die erwartete Fallzahl lag bei 5,2. Bei Frauen waren es sechs Fälle statt einer prognostizierten Rate von 3,3.

• Ergebnis einer Studie 2012, auch mangels Daten: Es gab keine eindeutigen Hinweise auf höheres Krebsrisiko durch Strahlung über der Asse - aber ab 2013 eine verschärfte Krebsmeldepflicht in Niedersachsen.

Von Irena Güttel

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