Fragen und Antworten zum Hilfsprogramm für das überschuldete Griechenland

Kredite für Athen: Chance und Risiko

Kassel. Griechenland will nun doch Hilfen der EU in Anspruch nehmen, um die eigene Krise zu überwinden. Wir haben die wichtigsten Fragen udn Antworten zusammengestellt.

Warum fordert Athen jetzt den Nothilfe-Kredit an?

Griechenland kann fällige Verbindlichkeiten nicht mehr begleichen. Zunächst braucht die Athener Regierung bis zum 19. Mai 8,5 Milliarden Euro. An diesem Tag laufen Anleihen aus, die zurückgezahlt werden müssen. Griechenlands Gesamtverschuldung beträgt über 300 Milliarden Euro.

Welche zentrale Bedingung erfüllt der Kreditantrag Griechenlands?

Der 45-Milliarden-Nothilfe-Kredit kann bereits gewährt werden, wenn Griechenland Geld an den Kapitalmärkten nur noch zu unzumutbaren Bedingungen bekommt. Das ist jetzt der Fall. So erreichten Risikoprämien und Zinsen für Anleihen gestern im Lauf des Tages Rekordstände: Griechenland muss fast zehn Prozent Zinsen anbieten, um noch Geld geliehen zu bekommen.

Auslöser sind die weiter wachsenden Befürchtungen von Investoren an den Kapitalmärkten, dass Griechenland in die Staatspleite abrutschen werde. Das lässt mögliche Kreditkosten für das Land auf diese Rekordhöhen steigen. Noch bis vor zwei Monaten wollten zahlreiche Euro-Länder, darunter Deutschland, Kredithilfe für Griechenland nur gewähren, wenn es auf den Kapitalmärkten gar kein Geld mehr bekommen hätte.

Was könnte passieren, wenn Euro-Länder und IWF den Kredit rasch gewähren?

Szenario I (vorausgesetzt, die griechischen Bilanzzahlen stimmen diesmal): Der 45-Milliarden-Kredit hilft Griechenland, seine kurzfristigen sowie Teile seiner mittelfristigen Schulden zu begleichen. Die Angst vor einem Staatsbankrott schwindet. Damit sinken Risikozuschläge und Zinsforderungen der Investoren, Griechenland erhält wieder Geld auf den Kapitalmärkten zu üblichen Kreditkosten. Zugleich geht das Land daran, sein Haushaltsdefizit zu bekämpfen.

Angekündigt sind unter anderem: Einfrieren der staatlichen Renten, Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67, Lohnkürzungen, höhere Mehrwertsteuer. Die Folgen: Kontinuierliche Entschuldung zum Preis politischer Unruhen sowie Schwächung der Binnenkonjunktur mit Risiken für den griechischen Arbeitsmarkt.

Um den Entschuldungsprozess zu erleichtern, wird eine sogenannte Umschuldung diskutiert. Das heißt: Gläubiger, die in griechische Anleihen investiert haben, müssten auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten.

Szenario II: Griechenland braucht weit mehr Geld als bisher zugegeben. Der Kredit hilft nur über die kurzfristige Zahlungsunfähigkeit hinweg. Die Euro-Länder müssen auch in den nächsten Jahren viel Geld zuschießen. Griechenland wird so zum Fass ohne Boden. Schon jetzt wird Athen deshalb aufgefordert, die Euro-Zone zu verlassen, um die Stabilität der gemeinsamen Währung nicht weiter zu gefährden. Einen Ausschluss einzelner Mitgliedsländer sieht der EU-Vertrag allerdings bisher nicht vor. Den beiden Szenarien ist gemeinsam: Das Risiko, dass weitere Euro-Länder Hilfe von EU-Partnern und IWF verlangen, wird verstärkt.

Was könnte geschehen, wenn Griechenland der Kredit verweigert wird?

Eben um auszuschließen, dass weitere Länder dem griechischen Beispiel folgen, wird der Kredit verweigert. Athen würde dann auch auf dem Kapitalmarkt kein Geld mehr bekommen und müsste Bankrott anmelden.

Folge: Anleger aus aller Welt, darunter Hypo Real Estate, Commerzbank und Deutsche Bank, müssten Milliarden abschreiben. Die ausländischen Gläubiger-Banken müssten zum Ausgleich ihrer Verluste die eigenen Staaten um Hilfe bitten.

Die griechischen Banken würden nicht nur wegen der Zahlungsunfähigkeit des Staates zusammenbrechen, sondern auch, weil die Griechen ihr Geld aus Angst vor einer Rückkehr in eine abgewertete Drachme von den Konten abziehen. Sobald Anleger sehen, dass Europa ein Land pleitegehen lässt, kaufen sie keine Anleihen jener Länder mehr, deren Zahlungsfähigkeit sie ebenfalls für gefährdet halten.

In der Folge könnten auch Portugal, Spanien, Italien und Irland zusammenbrechen und in ihre alten, abgewerteten Währungen zurückkehren. Es wäre das Ende des Euro als Gemeinschaftswährung.

Von Jörg S. Carl

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