HNA-Kommentar 

Kreuz in Behörden in Bayern: Das christliche Symbol war nie neutral

Die CSU-Staatsregierung will die christliche Tradition in Bayern bewahren und ein Kreuz in jeder Landesbehörde vorschreiben. Kritik kommt nicht nur von Atheistenverbänden, sondern auch aus den Kirchen. Ein Kommentar von Nachrichtenchef Tibor Pézsa.

Natürlich ist der flächendeckende Einsatz von Kreuzen in bayerischen Behördenräumen eine zweckgerichtete Vereinnahmung des zentralen christlichen Symbols. Schließlich wird am 14. Oktober in Bayern gewählt, die CSU spürt den heißen Atem der AfD im Nacken.

Aber soll der deutsche Staat nicht weltanschaulich neutral sein? Ja, aber das ist er in Wirklichkeit sowieso nicht, was die moderateren Töne mancher Bischöfe in dieser Debatte erklären mag. So zahlt der Staat beispielsweise immer noch Jahr für Jahr steigend Wiedergutmachungen für Enteignungen in der napoleonischen Zeit, obwohl das Grundgesetz seit 1949 eine Ablösung dieser Zahlungen vorschreibt. Auch zieht der Staat die Kirchensteuern ein und teilt sich das Aufkommen mit den Kirchen.

Sollte denn nicht wenigstens das Kreuz als wichtigstes christliches Symbol vor Vereinnahmung geschützt werden? Gegenfrage: Wurde es das jemals in 2000 Jahren Kirchengeschichte? Gläubige Christen wissen: Es steht für jene Erlösung, die mit der Liebe, insbesondere der Feindesliebe, mit Solidarität und freiwilligem Opfer, mit einem liebenden Ja zum Anderen einhergeht.

Aber was heißt das im konkreten Leben? Nicht einmal die katholischen Bistümer in Deutschland bekommen einen solidarischen Lastenausgleich hin. Und selbstverständlich kennt auch die Kirche einen „ordo amoris“, die Selbstverständlichkeit, dass man mehr zu seiner Familie hält als zum Nachbarn an der Ecke oder sonst wem.

Nein, die Kritik an der bayerischen Kreuzesvermehrung ist wohlfeil. Sie entbehrt nicht der Absicht, das Kreuz selbst zu beanspruchen, nur eben für eine andere Absicht. Ob das in Jesu Sinne war? Das kann nur jeder für sich selbst entscheiden. Ansonsten muss man wohl einräumen: Natürlich steht das Kreuz ebenso für Karfreitag und Ostern wie es über allen weltberühmten bayrischen Barockkirchen und somit auch für bayerische Identität steht. 

Rubriklistenbild: © Peter Kneffel/dpa

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