Leserzuschriften: Krieg und Holocaust traumatisierten eine ganze Generation

Kriegserinnerungen: Eine Zeit der Angst und des Schreckens

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„Diese Serie (Szenenfoto) bewegt mich sehr“, schreibt Leserin Karin Schreiber aus Volkmarsen über „Unsere Mütter, unsere Väter“.

Der ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ hat viele Zuschauer in Deutschland bewegt, und er beschäftigt immer noch unsere Leser. Heute veröffentlichen wir wieder einige Zuschriften über Erlebnisse im Krieg und ihre schwierige Verarbeitung in der Nachkriegszeit.

Steffen Berndt, Volkmarshausen: Ich selbst bin erst 1960 geboren, habe aber immer interessiert den Erzählungen meines Vaters gelauscht.

Die Russen waren ahnungslos, als sie von der Wehrmacht attackiert wurden. Trotzdem hat mein Vater nur überlebt, weil er mehrmals von der russischen Zivilbevölkerung vor den eigenen Leuten versteckt wurde, und wenn es unterm Bett der kranken Großmutter war.

Besonders schlimm aber: Die helfende russische Zivilbevölkerung wurde gleich mehrfach bestraft. Auf dem deutschen Vormarsch nahm man ihnen ihre Vorräte, auf dem Rückzug hat man ihre Häuser verbrannt. Und wer die Deutschen überlebte, galt als deren Helfer und wurde als Kollaborateur von den eigenen Soldaten hingerichtet.

Jochen Ehringhaus, Kassel: Mein Vater (Jahrgang 1929) besuchte ab dem 11. Lebensjahr eine Adolf-Hitler-Schule. Diese Internate dienten der Ausbildung einer gesellschaftlichen Elite für den nationalsozialistischen Staat. Mit 16 wurde er zu Ende des Krieges militärisch eingesetzt und bei dem Versuch, durch die Sprengung einer Rheinbrücke den Vormarsch der Alliierten zu behindern, gefangen genommen. Er verbrachte ein Jahr im Gefängnis.

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Für ihn, den pubertierenden Jungen, scheint das Schreckliche des Krieges und der Nazizeit, selbst der Gefängnisaufenthalt, nur Beiwerk zu einem großen Jugendabenteuer mit der Erfahrung der Kameradschaft in den Adolf-Hitler-Schulen zu sein. Diese Kameradschaften haben die Nachkriegszeit überdauert und das Wirtschaftswunder mitgeformt.

Gespräche, die ich oft versucht habe, scheitern wie an einem Eisberg. Einem Eisberg, der Gefühle birgt, die nicht zugelassen werden können, weil sie so schwer zu ertragen sind. Unter dieser verdrängenden Seite meines Vaters habe ich gelitten, sie nicht verstehen können und dagegen aufbegehrt. Das wiederum hat meine Jugend geprägt. Ich teile damit Erfahrungen vieler Gleichaltriger.

Heute tut mein Vater mir leid, weil seine Erlebnisse ihm den Zugang zu einem Teil seiner Seele verwehrt haben. Wie froh können wir später Geborenen sein, die in dieser Zeit nicht leben mussten. Und wie wichtig ist es, sich immer wieder daran zu erinnern.

Erich Haldorn, Kassel: Ich bin Jahrgang 1927. Im Juni 1942 verstarb mein kleinerer Bruder mit 14, im Sept. 1942 der Großvater, im Januar 1943 wurde mein ältester Bruder mit 21 Jahren in Stalingrad als vermisst gemeldet. Für unsere Familie schwere Schicksalsschläge. Ich verblieb als letztes Kind den Eltern.

Alles zu "Unsere Mütter, unsere Väter“ finden Sie auf der offiziellen Homepage.

1945 war ich in verschiedenen großen Gefangenenlagern wie Kreuznach und Trier, wo viele Tausende unter freiem Himmel gefangen gehalten wurden. Die Verpflegung war dürftig. Man schlief nachts auf dem Erdboden ohne Decke oder Unterlage, egal wie die Witterungsverhältnisse waren.

Hier möchte ich eine Begebenheit schildern, die mich heute noch sehr berührt. Ein älterer unbekannter Gefangener wollte zur Latrine (eine lange offene Grube diente als WC) und bat uns auf seinen Mantel aufzupassen. Jetzt sagte mein Kumpel, komm schnell weg mit dem Mantel, wir haben nachts etwas zum Wärmen. Ich wollte nicht, er aber lief schon weg mit dem Mantel. In der Masse der Gefangenen war es fast unmöglich, dass man die Diebe finden konnte. Es war keine menschliche und christliche Tat.

Rainer Degethoff, Grebenstein: Mein Vater (Jahrgang 1917) befand sich von 1944 bis 1949 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Gleichwohl kann ich mich nicht daran erinnern, dass der Krieg in unserer Familie explizit thematisiert worden wäre. Wenn vom Krieg geredet wurde, dann nur in Episoden, bruchstückhaft. Zum Beispiel über die Granatsplitterverletzung am Gesäß, eine greifbare Erinnerung, denn der Splitter konnte nicht entfernt werden.

Trailer zu "Unsere Mütter, unsere Väter“ auf Youtube

Es gab auch ein Fotoalbum mit Bildern aus dem Russlandfeldzug. Momentaufnahmen des Krieges. Dadurch war der Krieg auch für uns Nachgeborene sichtbar. Dass die Kriegsgeneration nichts oder nicht viel vom Krieg erzählte, hat sicherlich viele Gründe. Viele der jungen Soldaten waren bestimmt ob der Erfahrung mit Gewalt, Elend und Tod traumatisiert. Nach dem Krieg kam bei vielen die Einsicht hinzu, dass sie von einem monströsen, verbrecherischen Regime missbraucht wurden.

Und schließlich war es in der jungen Bundesrepublik nicht opportun, sich ernsthaft mit der Nazi- und Kriegszeit auseinanderzusetzen, schon gar nicht mit den Erinnerungen eines Einzelnen. So ist man mehr oder minder gezwungen zur Tagesordnung übergegangen. Für viele dieser Generation bedeutet die verpasste Auseinandersetzung, dass der Krieg nie wirklich endete.

Peter Wolff, Witzenhausen: Zu Beginn des Krieges war ich sechs Jahre alt. Vieles was erzählt wurde, war mir unverständlich und auch noch nicht so interessant. Das änderte sich mit der Zunahme meines Alters und mit der Dauer des Krieges. Die Ereignisse begannen sich zu überstürzen, die Widersprüche nahmen zu, die Glaubwürdigkeit der Obrigkeit nahm ab, die Angst wurde größer.

Die Freunde im ZDF-Dreiteiler über den Krieg: Viktor Goldstein (Ludwig Trepte), Greta (Katharina Schüttler), Wilhelm (Volker Bruch), Friedhelm (Tom Schilling) und Charlotte (Miriam Stein).

Die Frage, wie wir Kinder das Unfassbare wahrgenommen haben, kann ich nicht beantworten. Ich ließ die Dinge auf mich zukommen, vertraute der Vorsorge und den Anweisungen meiner Mutter. Dass ich den Krieg ohne Schaden überstand, verdanke ich ihr und natürlich auch einer großen Portion Glück.

Festgesetzt hat sich bis heute eine Skepsis gegenüber Obrigkeiten und das Hinterfragen von Meinungen, von Nachrichten. Dies ist aber nicht allein auf die Kindheits- und Kriegserlebnisse zurückzuführen.

Margot Moebis, Eschwege: Die Luftangriffe kamen nun immer öfter. Wenn wir abends ins Bett gingen, mussten die Sachen ganz ordentlich ausgezogen werden, so dass man sie auch im Dunkeln finden und anziehen konnte. 1943 wurde dann die Schule, in der ich eingeschult werden sollte, zerstört. Nun war meinen Eltern der Keller nicht mehr sicher genug, und wir rannten bei Fliegeralarm in den Bunker, immer mit einem kleinen Köfferchen mit dem Nötigsten. Manchmal waren die Flugzeuge auch schon direkt über uns, und wir waren heilfroh, dass wir den Bunker unverletzt erreichten. Das war eine Zeit der Angst und des Schreckens.

Herma Brede, Fuldatal-Simmershausen: Der Krieg war zu Ende, ich war allein und 16 Jahre alt. Unser Haus hatten die Tschechen besetzt. Meine Mutter war auf der Burg von Ellbogen interniert und mein Vater in Russland. Mit dem ersten. Aussiedlertransport landete ich in Simmershausen und wurde in der Familie Christine Eberhard sehr gut aufgenommen.

Ich kam von dem Lehrerinstitut in Eger auf das Gut Eichenberg. Die Arbeit war nicht das Schlimmste, aber der Hunger. Zum Glück lernte ich Elli Seeger kennen. Sie teilte täglich ihr Brot mit mir und nahm mich auch manchmal mit nach Hause zu einer Suppe. Sie ist bis heute meine beste Freundin geblieben.

Heidrun Rudolph, Lohfelden: An den Krieg habe ich keine Erinnerungen, da ich 1944 geboren bin. Mein Vater war bei der Reiterstaffel der Polizei in Kassel und ist 1945 an den Folgen einer Kriegsverletzung gestorben.

Für mich gab es nur das Holzkreuz auf dem Wehlheider Friedhof. Die Fragen nach dem Krieg wurden kaum beantwortest. „Es war so schrecklich, darüber wollen wir nicht reden“, war alles, was ich erfuhr.

Ich habe andere Kinder beneidet, wenn sie von ihrem Vater erzählten, was sie unternommen haben. Oft habe ich mir das Bild mit seinen Pferden angesehen und geträumt, dass er mit mir ausgeritten ist. Wie anders wäre wohl mein Leben mit Vater verlaufen, diese Frage stelle ich mir noch heute.

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Karin Schreiber, Volkmarsen: Diese Serie bewegt mich sehr. Ich bin 1943 in Kassel geboren, einen Vater hätte ich gerne gehabt, aber er ist 1944 in Lettland durch einen Kopfschuss getötet worden. Bei den Großeltern bin ich aufgewachsen, aber mir fehlte der Vater, andere Kinder hatten einen.

Später durfte ich in den Ferien zu der neuen Familie mit Stiefvater und Halbschwester fahren. Im Zug zurück nach Borken habe ich geheult.

Rudolf K., Melsungen: Gut zwei Jahre nach Kriegsbeginn zog unsere Familie in den „Warthegau“ im eroberten Polen. Wie Millionen Deutsche waren unsere Eltern anfangs Hitler-Anhänger. Die knapp vier Jahre in Polen haben unsere Eltern verändert. Zunächst die fromme Mutter, die darunter litt, dass sie das Kreuz abhängen sollte, wenn ein Parteimensch ins Haus kam. Doch auch der Vater hatte immer deutlichere Vorbehalte gegen das Nazi-System. Er pflegte ein freundschaftliches Verhältnis zu den polnischen Mitbewohnern im Haus und wurde von strammen Nazis als Weichling gescholten.

Ab Herbst 1943 wurde er wiederholt nachts abkommandiert, um am Bahndamm Wache zu halten. Vermutlich ging es um Juden-Transporte nach Auschwitz. Nach einem solchen Einsatz sagte er zu Mutter: „Nicht einmal Wasser durften wir den armen Teufeln geben. Wenn wir einmal dafür büßen müssen, dann gnade uns Gott.“

Die Flucht 1945 im offenen Wagen bei minus 20 Grad und darunter verlief dramatisch. Hunderttausende haben noch Schlimmeres erlebt. Ich empfinde größte Dankbarkeit und Hochachtung für unsere Eltern wie für alle, die ihre Lieben durch diese Hölle zu retten versuchten. Auch wenn sie das verbrecherische System der Nazis lange nicht durchschaut haben - wir von später Geburt Begnadeten müssen in aller Demut urteilen.

Rudolf Statkus, Hann.Münden: Im Jahr 1937 geboren, war ich zu jung, um aktiv am Kriegs teilzunehmen, aber schon alt genug, um mich an die letzten Kriegsjahre selbst zu erinnern...

Natürlich hatte man damals noch kein eigenes Meinungsbild. Es war das der Eltern, der Lehrer und des damaligen Zeitgeistes. Ein Aufarbeiten der schrecklichen Geschehnisse war damals unter den gegebenen Umständen und der kurzen zeitlichen Distanz nicht denkbar bzw. möglich.

Ich erinnere mich gut an den Tag der Kapitulation als Metapher: In Friedland/Schlesien öffneten die einmarschierenden Russen die Lagertore des dortigen KZ für die Juden. Für sie war es der ersehnte Tag der Befreiung. Für uns war es damals ein Tag der Depression und der Angst vor dem Kommenden.

Erst viel später u.a. durch die im Fernsehen gezeigten Filme „Der große vaterländische Krieg“ (aus Sicht der Russen) und „Holocaust“ in den 70er-Jahren konnte ich mir eine objektivere Meinung bilden und den 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung (vom Nationalsozialismus), wie ihn Richard von Weizsäcker in seiner Rede vom 8.Mai 1985 wertete, akzeptieren.

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