Interview

Kriegsgräber-Präsident über Totengedenken und eine Kollwitz-Skulptur

Die Trauernden Eltern: Die Skulpturengruppe von Käthe Kollwitz (kleines Bild) steht auf dem Deutschen Soldatenfriedhof Vladslo/Belgien. Eine Nachbildung wurde kürzlich in Rshew aufgestellt, 200 km westlich von Moskau. Fotos: dpa

Mit dem Volkstrauertag wird am Sonntag der Opfer von Krieg und Gewalt gedacht. Darüber sprachen wir mit Markus Meckel, dem Präsidenten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der seinen Sitz in Kassel hat.

 Vor einem Jahr wünschten Sie sich in unserem Interview, dass an die Kriegstoten des Ersten und Zweiten Weltkrieges in Europa gemeinsam gedacht werden sollte. Ist dieser Wunsch in Erfüllung gegangen?

Markus Meckel: Eindeutig ja. Wir hatten eine Gedenkfeier nicht nur im Deutschen Bundestag, sondern auch im Europäischen Parlament. Dies und die vielen anderen gemeinsamen Veranstaltungen waren wichtig, weil Europa sich noch einmal an die zu Recht so genannte Urkatastrophe von 1914 erinnern konnte. Denn der Erste Weltkrieg führte nicht nur in den Zweiten, sondern auch zu den beiden großen totalitären Diktaturen.

Wer aber in diesem Sommer Großbritannien besucht hat, der konnte den Eindruck gewinnen, als ob das Gedenken an die Kriegstoten in der Öffentlichkeit dort präsenter ist als bei uns. Täuscht dieser Eindruck?

Meckel: Nein, der täuscht nicht. Aber das ist auch kein neues Phänomen. In Großbritannien gibt es eine lange Tradition der Erinnerung an die Toten, der Verehrung der Helden, die fürs Vaterland gefallen sind. Das ist dort unproblematisch, weil Großbritannien in dem Bewusstsein lebt, auf Seiten von Recht und Freiheit gekämpft zu haben.

Bei uns ist das schwieriger: Denn im Zweiten Weltkrieg waren wir nicht nur eindeutig die Aggressoren, sondern auch die Täter furchtbarer Verbrechen an der Menschlichkeit. Vor diesem Hintergrund ist auch die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in den Schatten gerückt.

2015 begehen wir den 70. Jahrestag des Kriegsendes. In Europa wird heute aber wieder geschossen...

Meckel: Umso wichtiger wird die Erinnerung an Krieg, Leid und Tod.

Der Volksbund pflegt Kriegsgräber in 45 Staaten der Welt. Warum musste jetzt die Pflege in der Ostukraine ausgesetzt werden?

Meckel: Der Krieg lässt derzeit eine geordnete Kriegsgräberpflege sowie die geplanten Umbettungen in der Ostukraine nicht zu. Aus Verantwortung für die Sicherheit unserer Mitarbeiter musste diese Arbeit ausgesetzt werden.

In der Ukraine mussten wir sehen, was wir nicht mehr für möglich gehalten haben: dass Russland als Nachbar einfach Teile annektiert, das Völkerrecht bricht, im Osten des Landes einen subtilen Krieg führt - und wir relativ hilflos sind. Es fehlte am Beginn der entschlossene Wille, Russland klar in die Schranken zu weisen. Frieden hat einen sehr hohen Stellenwert. Aber das darf nicht heißen, zu allem ja und amen zu sagen.

Vor einigen Jahren gab es immer wieder Berichte von Grabplünderungen in Osteuropa. Ist dieses Problem gelöst worden?

Meckel: Leider nicht. Es gibt nun mal Menschen, oft Kleinkriminelle, die den Markt für Kriegsdevotionalien bedienen, die nach Kriegsopfer suchen und dann zum Beispiel die Erkennungsmarken verkaufen und somit eine Identifizierung von Kriegstoten fast unmöglich machen. Das ist traurig, aber glücklicherweise auch nicht auf staatliches Handeln zurück zu führen.

Glücklicherweise gab es im zu Ende gehenden Jahr aber auch viele erfreuliche Aspekte unserer Arbeit.

Welche zum Beispiel?

Meckel: Es gibt eine zweiteilige Skulptur, mit der Käthe Kollwitz ihre Trauer über den Verlust ihres Sohnes Peter zum Ausdruck brachte, der im Oktober 1914 in Flandern gefallen war. 1932 ließ sie die Figurengruppe „Trauendes Elternpaar“ auf dem belgischen Soldatenfriedhof in Diksmuide-Vladslo aufstellen, wo Peter begraben war.

Eine Nachbildung der Skulptur haben wir im September bei Rshew, etwa 200 Kilometer westlich von Moskau, aufstellen lassen auf einer Kriegsgräberstätte für die deutschen Gefallenen, die gemeinsam mit den benachbarten sowjetischen Kriegsgräbern einen Friedenspark bildet. Unter den Unbekannten auf dem deutschen Friedhof liegt wahrscheinlich auch der Enkel von Käthe Kollwitz, der 1942 in dieser Region ums Leben kam und ebenfalls Peter hieß. Gerade in der gegenwärtigen Russland-Ukraine-Krise wollen wir so ein Zeichen des Friedens setzen.

In den 50er und 60er-Jahren gab es eine große Zahl von Jugendlichen, die bei der Kriegsgräberfürsorge im Ausland Kontakte zu Jugendlichen aus anderen Ländern knüpften. Wie groß ist heute das Interesse an solcher Arbeit?

Meckel: Es sind in diesem Jahr immerhin 20 000 Jugendliche, die mitmachten in Workcamps oder Jugendbegegnungsstätten. Das ist eine beachtliche Zahl, und wir wollen versuchen, diese Aspekte unserer Arbeit zu verstärken und zu profilieren. Manchmal mag unser Name - Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge - auf Jugendliche oldfashioned wirken, aber das Interesse an unserer Arbeit ist nahezu ungebrochen.

Die Kriegsgräberfürsorge finanziert sich aus staatlichen Mitteln und aus Spenden. Müssen Sie sich vor dem Hintergrund des Versterbens der Kriegsgeneration und des Verblassens der Erinnerung an die Weltkriege Sorgen machen um die Finanzierung Ihrer Arbeit?

Meckel: Mittelfristig wird das auf jeden Fall zum Problem. Und ich versuche in allen meinen Gesprächen mit der Politik, das deutlich zu machen. Schon die nächste Generation wird nicht in dem Maße für die Arbeit der Kriegsgräberpflege aufkommen, wie die alte dies derzeit vermag, weil sie Krieg und Gewalt selbst noch erlebt hat. Kriegsgräberfriedhöfe müssen aber Orte des Lernens und des öffentlichen Gedenkens bleiben.

Abschlussfrage, Herr Meckel: Überall wird zentralisiert, in vielen Verbänden ist der Trend in die Hauptstadt Berlin ungebrochen. Muss sich Kassel Sorgen machen um die Bundesgeschäftsstelle des Volksbundes?

Meckel: Vor der Frage stehen wir nicht. Wir müssen in Berlin stärker präsent sein, uns erneuern und profilieren. Aber es gibt keine Umzugs- oder Wechselpläne.

Zur Person: Markus Meckel

Markus Meckel (62), in Müncheberg (Brandenburg) geboren, ist seit Oktober vergangenen Jahres Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge (Sitz: Kassel). In der DDR musste der junge Meckel die Erweiterte Oberschule in Berlin-Mitte aus politischen Gründen verlassen, den Wehrdienst in der NVA verweigerte er. An kirchlichen Hochschulen studierte er Theologie, von 1982 bis 1988 arbeitete er als Pastor in Vipperow/Müritz. Bis 1990 leitete er die Ökumenische Begegnungs- und Bildungsstätte in Niederndodeleben bei Magdeburg.

Meckel war einer der führenden Köpfe der Opposition in der DDR und 1989 Mitbegründer der Sozialdemokratischen Partei (SDP). Nach der ersten freien Wahl arbeitete Meckel von April bis August 1990 als DDR-Außenminister. In dieser Funktion handelte er den 2-plus-4-Vertrag der beiden deutschen Staaten mit den Siegermächten USA, UdSSR, Großbritannien und Frankreich aus.

Von 1990 bis 2009 war Meckel Abgeordneter des Deutschen Bundestages.

Er ist verheiratet und hat sechs Kinder.

Von Wolfgang Blieffert

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