Szene-Kennerin hat eine Krimi-Serie geschrieben, die der Wirklichkeit sehr nahe ist

Krimi in der Staatskanzlei

Hannover. Ein hoher Beamter der Staatkanzlei in Hannover kommt auf einer Dienstreise einer Untergebenen näher. Es entwickelt sich eine Liebesbeziehung. Sie machen ihr neues Glück bei ihrem Arbeitgeber publik – nicht zuletzt, um disziplinarrechtliche Folgen zu vermeiden. Der Mann wird prompt von seiner Weisungsbefugnis gegenüber der Frau entbunden. Der pikante Fall könnte gut in den neuen Kriminalroman „Die Staatskanzlei“ von Bettina Raddatz passen, in das mit zwei Morden angereicherte Sittengemälde über die niedersächsische Landespolitik.

Doch obwohl Liebe und Begehren in dem 494-Seiten-Werk eine große Rolle spielen, ist die Kollegen-Beziehung keineswegs Fiktion, sondern Realität in der Regierungszentrale von Ministerpräsident David McAllister (CDU). „Manchmal überholt die Wirklichkeit sogar den Romanstoff“, lächelt Raddatz, als Chefin des Europäischen Informationszentrums in Hannover selber Referatsleiterin in der Staatskanzlei.

Manchmal ist die Wirklichkeit aber auch so skurril, dass sich sie kein Romancier so auszudenken wagen würde. Raddatz beschreibt in ihrem Buch wie der (fiktive) Ministerpräsident mit seinem Sprecher Bernd Wagner zu einem Konsul nach München reist, um mit dessen Hilfe sein Image aufzupolieren. In der Villa des feinen Herrn prangt ein riesiges Gemälde einer nackten Frau. Die Besucher aus Hannover sind irritiert, der Pressesprecher spricht dem angebotenen Champagner zu sehr zu und wird vom Chef ins Hotel geschickt.

Eine überdrehte Fiktion? „Der Wagner im Roman war in Wirklichkeit ich“, schildert die Autorin, ohne aber kompromittierende Einzelheiten zu verraten. Nur so viel: Ein niedersächsischer Spitzenpolitiker, dessen junge Referentin sie damals gewesen sei, habe tatsächlich einen Trip nach München unternommen, um sich der zweifelhaften Hilfe eines PR-Konsuls bedienen. Und sie habe sich ebenfalls einen ordentlichen Schwips angetrunken. Immerhin nimmt der echte Mann wie die Romanfigur letztlich Abstand von dem windigen Vorhaben.

Keine Enthüllungsromane

„Ich schreibe keine Enthüllungsromane“, sagt Raddatz. Doch manche Parallele ist verblüffend, insbesondere im Licht der Affären um Ex-Bundespräsident Christian Wulff, der auch Chef der Autorin war. Da schildert Raddatz in der „Staatskanzlei“ eine privat organisierte Riesensause für Politiker, die von Unternehmen gesponsert wird und die einen satten Gewinn abwirft. Die Ähnlichkeiten mit dem „Nord-Süd-Dialog“ des Partymanagers Manfred Schmidt können gar nicht zufällig sein. Sie habe ihre Szenen vor einem Jahr, also weit vor dem Bekanntwerden des Skandals geschrieben, sagt die Autorin. „Ich konnte ja nicht ahnen, dass das hochkocht.“

In einer neuen Krimi-Reihe will sie ihre niedersächsischen Romanhelden Karriere in Berlin machen lassen: Die Wirklichkeit ist schon weiter.

Von Peter Mlodoch

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.