Interview mit VorstandsmitgliedGewerkschaft UFO

Kritik an Ryanair: "Sozialsystem zahlt letztlich Rechnung für billige Tickets"

Fraport, die Betreiber-Gesellschaft des Frankfurter Flughafens, gewährt der Billigfluglinie Ryanair für drei Jahre Rabatte. Diese Entscheidung kritisiert die Gewerkschaft Unabhängige Flugbegleiter Organisation (UFO). Wir sprachen mit dem Vorstandsmitglied Nicoley Baublies.

Ihre Gewerkschaft kritisiert, dass es für die Fluggesellschaft Ryanair einen Gebührenrabatt am Frankfurter Flughafen gibt. Dabei ist das branchenüblich.

Nicoley Baublies

Nicoley Baublies: Ja, Sonderkonditionen für Neuanflüge sind branchenüblich. Das Hauptproblem ist hierbei aber, dass man gezielt Anbieter anlockt, die ein ganz anderes Geschäftsmodell haben. Das unterscheidet sich nicht nur bei den Preisen. Bei Ryanair heißt es: Ich schmeiße schwangere Flugbegleiterinnen raus und ich kann einseitig unbezahlten Sonderurlaub anweisen. Schlimm, dass es solche Praktiken gibt, noch schlimmer, dass Anbieter mit solchem Gebaren aktiv angeworben werden. Das ist Subventionierung von Sozialbetrug. Ryanair zahlt ja nicht einmal Steuern in Deutschland. Künftig stehen Maschinen von Ryanair neben Maschinen von Lufthansa, wo man sich an Recht und Gesetz hält.

Verstehe ich Sie richtig? Ryanair hält sich nicht an geltende deutsche Gesetze?

Baublies: Ja. Ryanair hat Menschen in Deutschland stationiert, die über Arbeitsverträge nach irischem Recht beschäftigt sind. Schaut man sich die Gehälter an, gibt es Vollzeitbeschäftigte, die nicht mal den in Deutschland geltenden gesetzlichen Mindestlohn erhalten. Es ist vorprogrammiert, dass hier das deutsche Sozialsystem letztlich die Rechnung für die billigen Tickets zahlt. Auch die Gründung von Betriebsräten wird durch Druck auf die Mitarbeiter unterbunden.

Aber ist doch rechtlich in Ordnung, dass ein irischer Konzern nach irischem Recht die Arbeitsverträge gestaltet?

Baublies: Wir müssen im Detail schauen. Für Menschen, die in Deutschland stationiert sind und hier leben, muss auch deutsches Recht angewendet werden. Nur dann werden endlich mangelhafte Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder der Beitragszahlung in die Rentenkasse gewährleistet. Bei Ryanair ist dies nämlich keine Selbstverständlichkeit. Wir haben nun endlich auch Ryanair-Angestellte gefunden, die deswegen klagen und an die Öffentlichkeit gehen. Trotz des massiven Drucks des Arbeitgebers.

Die Billigfluglinie Wizzair ist ebenfalls in Frankfurt stationiert. Warum kritisieren Sie die nicht?

Baublies: Das tun wir. Die unfaire Wettbewerbssituation sehen wir insgesamt sehr kritisch. Dabei sind nicht nur Ryanair und Wizzair zu nennen. Auch viele andere Airlines, etwa Norwegian, Emirates, profitieren von staatlichen Hilfen oder von Gesetzeslücken.

Die Passagierzahlen am Frankfurter Flughafen sind 2016 im Vergleich zu 2015 um 250 000 Passagiere gesunken. Da ist es doch verständlich, dass der Flughafen neue Fluggesellschaften und Ziele braucht.

Baublies: Die entscheidende Frage ist doch: Warum verliert der Flughafen Passagiere? Er ist für die Fluggesellschaften zu teuer geworden. Gebühren und Entgelte zum Beispiel für die Flugsicherung sind ein entscheidender Faktor bei der Standortwahl. Flughäfen wie Köln-Bonn und München hingegen sind günstiger und deshalb stark gewachsen. Dabei liegt Frankfurt geografisch günstiger. Eine moderate Kostenreduktion für seriöse Airlines wäre sicher nachhaltiger, als Dumpingpreise für einen einzelnen fragwürdigen Anbieter.

Das Land Hessen sowie die Stadt Frankfurt sind Anteilseigner der Fraport AG. Was erwarten Sie nun von denen in diesem konkreten Fall?

Baublies: Das Verhalten von Wirtschaftsminister Al-Wazir ist nicht akzeptabel. Wenn ein Ministerium eine Rabattaktion für ein eigenes Luftfahrtunternehmen genehmigen muss, dann kann es auch politischen Einfluss darauf nehmen. Natürlich kann man auf einen Fraport-Chef einwirken, eine solche Gebührenordnung gar nicht erst vorzulegen. Und Ministerpräsident Volker Bouffier und Al-Wazir können sich auch für eine Änderung der Gesetzeslage starkmachen.

Zur Person

Nicoley Baublies (44) wuchs in Offenburg im Schwarzwald auf. Nach dem Studium der Anglistik und Politik sowie nachfolgender Selbstständigkeit im Bereich Internetconsulting kam er zur Lufthansa und wurde Flugbegleiter. Nach insgesamt fünf Jahren in der Personalvertretung der Lufthansa übernahm Baublies im April 2012 den Vorsitz des Vorstands bei der UFO bis 2016. Im Juni 2015 wurde Baublies zum Vorstandsvorsitzenden der neugegründeten Industriegewerkschaft Luftverkehr (IGL) gewählt.

Ryanair bestreitet Vorwürfe

Frankfurt. Die irische Fluggesellschaft Ryanair bestreitet die von Nicoley Baublies, Vorstandsmitglied bei UFO (Unabhängige Flugbegleiter Organisation), erhobenen Vorwürfe. Kiely, Kommunikationschef bei Ryanair entgegnet: „Diese falschen und ungenauen Behauptungen sind Unsinn und sollen von den anhaltenden Verhandlungen zu Arbeits-, Renten- und Lohnkürzungen ablenken, die diese Gewerkschaften mit deutschen Fluggesellschaften führen.“ 

Auch von schlechten Löhnen will Ryanair nichts wissen. In der uns vorliegenden Pressemitteilung heißt es: „Das Bordpersonal bei Ryanair verdient bis zu 40 000 Euro pro Jahr und arbeitet unter sehr guten Bedingungen, einschließlich Arbeitsplatzsicherheit und eines kürzlich verhandelten 5-Jahres-Gehaltsabkommens mit garantierten Lohnerhöhungen. Die Dienstpläne würden fünf Arbeitstage und drei freie Tagen ausweisen. 

Mitarbeiter hätten jede Woche ein verlängertes Wochenende, ein gesetzliches Maximums von 900 Flugstunden pro Jahr, (entspricht nur 18 Flugstunden pro Woche) sowie sehr guter Verkaufsprovisionen, die das Gehalt weiter steigern. Zudem gebe es kostenlose Weiterbildungen am Arbeitsplatz sowie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.“ (flq)

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