Frauke Heiligenstadt (SPD)

Interview: Kultusministerin erklärt, wie sie 1600 Lehrerstellen besetzt

Niedersachsens Kultuministerin Frauke Heiligenstadt (SPD). Foto: dpa

Hannover. Berechtigte Klagen oder Jammern auf hohem Niveau? Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) will die Arbeitszeiten von Lehrern analysieren lassen. Im Interview erklärt die Ressortchefin, wie sie eine gute Unterrichtsversorgung sicherstellen will und wie sie mit der Kritik an ihrer Politik umgeht.

Außer vielleicht Ihrem grünen Kollegen Christian Meyer im Agrarministerium steht kein Mitglied der rot-grünen Landesregierung so unter Beschuss der schwarz-gelben Opposition wie Sie. Wie kommen Sie damit klar?

Frauke Heiligenstadt: Ich versuche, damit konstruktiv umzugehen. Das Themenfeld Bildung war und ist in der Landespolitik immer heftig umstritten. Ich wusste also, auf was ich mich einlasse. Bei berechtigter Kritik versuche ich, entsprechende Änderungen vorzunehmen. Kritik, die eher ins Persönliche geht oder unsachlich wird, die lasse ich immer mehr an mir abprallen.

Aber ständige Rufe nach Ihrem Rücktritt oder Ihrem Rauswurf durch den Ministerpräsidenten müssen doch zermürben. Gab es irgendwann mal den Punkt, wo Sie nicht mehr wollten. Heiligenstadt: Nein. Überhaupt nicht.

Die Opposition ließ sogar Gerüchte streuen, Sie wollten als Kandidatin bei der Landratswahl im Kreis Northeim im nächsten Frühjahr antreten. Heiligenstadt: Das habe ich als Satire abgehakt. Warum sollte ich hier denn aufhören? Ich habe als Ministerin doch eine wundervolle Aufgabe, die mir sehr viel Freude bereitet. Wir können ganz viel gestalten und ganz viel zum Besseren verändern. Es ist einfach toll, wenn ich sehen darf, wie Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler engagiert miteinander arbeiten. Oder wenn eine Grundschulklasse, die gerade das Schreiben von Briefen übt, mir Grüße zu den Festtagen schickt.

Die Kritik von CDU und FDP, aber auch von einigen Verbänden, machte sich vor allem an Ihrem Schulgesetz fest.

Frauke Heiligenstadt: Wir haben eine ganze Menge positiv verändert. Wir haben die Ganztagsschulen gestärkt, wir haben ein neues Abitur nach neun Jahren eingeführt, wir haben die Inklusion verankert. Und wir haben die Gleichstellung von Gesamtschulen mit anderen Schulformen vorgenommen. Was gab es da für Weltuntergangsszenarien im Vorfeld des Gesetzes. Ein halbes Jahr später kann ich davon absolut nichts feststellen.

Zum Schluss des Jahres hagelte es Kritik, weil die Unterrichtsversorgung auf 99,3 Prozent gefallen ist. Können Sie damit zufrieden sein?

Heiligenstadt: Eine 100-prozentige Unterrichtsversorgung enthält neben der eigentlichen Stundentafel noch circa fünf, sechs Prozentpunkte für weitere Stunden und Zuschläge, für Ganztagsunterricht, für Inklusion, für Projektarbeit. Also auch mit einem Wert geringfügig unter 100 Prozent kann man auf jeden Fall den Unterricht nach Stundentafel sicherstellen. Wir arbeiten aber weiter daran, dass die Versorgung wieder die 100 Prozent erreicht. Dabei darf man allerdings nicht vergessen, dass wir in diesem Jahr zwei riesige Herausforderungen zu meistern hatten.

Die dafür erforderlichen Lehrer konnten Sie bislang noch nicht alle finden, oder?

Heiligenstadt: Viele Schulen haben ganz bewusst entschieden, nicht jede Stelle sofort neu zu besetzen, sondern beispielsweise mit Blick auf geeignete Referendare noch warten, bis diese ihr Examen abgelegt haben. Die Zeit bis dahin wollen sie mit flexiblen Arbeitszeitkonten überbrücken. Zum 1. Februar haben wir 1600 Stellen ausgeschrieben, die werden wir auch besetzen können.

Wie wettbewerbsfähig ist Niedersachsen?

Heiligenstadt: Noch haben wir ausreichend Bewerber. Ausnahme sind, wie in der Vergangenheit auch schon, natürlich die Mangelfächer wie Mathematik, Chemie, Latein oder Musik. Da haben wir einige Engpässe. Und wir haben regionale Sorgenkinder. In Hannover, Oldenburg, Göttingen oder Lüneburg kann man Lehrerstellen besser und schneller besetzen als in ländlich geprägten Regionen. Insgesamt sieht es aber gut aus. Für die 1600 Stellen haben wir 4500 Bewerber. Davon stammt ungefähr die Hälfte aus anderen Bundesländern.

Also scheint Niedersachsen ein attraktiver Arbeitgeber zu sein. Die Lehrerverbände beklagen eine massive Belastung. Heiligenstadt: Wir sind ein guter Arbeitgeber. Wir kümmern uns um die Arbeitsbedingungen und um die Gesundheit unserer Lehrkräfte. Auch bei den rechtlichen Rahmenbedingungen ist Niedersachsen sehr attraktiv. Fast alle Lehrkräfte, die Beamte werden möchten, werden auch, sofern sie die Voraussetzungen erfüllen, verbeamtet. Das ist längst nicht in allen Bundesländern der Fall.

Also jammern die Lehrer auf hohem Niveau?

Heiligenstadt: Hinweise der Lehrkräfte nehme ich ernst: Wir werden im kommenden Jahr mit einer großen Online-Befragung die Belastungen an den Schulen untersuchen. Wir wollen von unseren Lehrkräften wissen, wo der Schuh drückt und ihre Vorschläge hören. Uns interessiert zum Beispiel, welche Veraltungsaufgaben von anderen übernommen werden können oder vielleicht sogar überhaupt nicht notwendig sind.

Die Lehrergewerkschaft GEW macht derzeit eine eigene Arbeitszeitstudie. Ist Ihre Befragung da nicht überflüssig?

Heiligenstadt: Nein. Neben der Online-Untersuchung wollen wir auch eine Arbeitszeitanalyse machen. Ein Expertengremium soll dazu die Tätigkeiten von Lehrkräften identifizieren, analysieren und versuchen, diese Daten auch objektivierbar zu machen. Sie sollen auf eine vergleichbare Basis gestellt werden, ohne dass subjektive Einflüsse und Erfahrungen eine Rolle spielen. Die Ergebnisse der GEW-Studie könnten dann, sofern sie verwertbar sind, dort einfließen.

Wann starten Sie damit?

Heiligenstadt: Wir werden dafür eine Universität beauftragen. Angepeilt ist die Untersuchung im zweiten Schulhalbjahr. Niemand ist verpflichtet, daran teilzunehmen. Aber ich gehe davon aus, dass wir einen sehr guten Rücklauf bekommen werden. 

Zur Person

Die aus Northeim stammende Sozialdemokratin Frauke Heiligenstadt ist seit Februar 2013 niedersächsische Kultusministerin. Bis zu ihrer Wahl in den Landtag 2008 arbeitete die Diplomverwaltungswirtin in der Stadtverwaltung ihrer Heimatstadt. Die 49-Jährige, die in einem Arbeiterhaushalt mit drei Geschwistern aufwuchs und dort lernte, sich „ohne Markenjeans tragen zu können durchs Leben zu schlagen und Abitur zu machen“, musste in ihrer dreijährigen Amtszeit schon manchem Sturm trotzen. Die Mutter einer Tochter, die 20 Jahre lang Handball spielte, ist blaue Flecken aber gewöhnt. Sie lebt mit ihrer Familie in Gillersheim bei Northeim und verbringt Urlaube gerne an der Nordsee. (wet)

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