Im VW-Skandal will Berlin geräuschlose Erledigung 

VW-Skandal: „Kumpanei mit den Tricksern“

Kassel. Volkswagen steht seit Monaten wegen des Abgasbetrug-Skandals und Messwert-Tricksereien bei Diesel-Autos am Pranger. Zu recht, nach allem was man weiß. Aber die Konkurrenz hat keine weiße Weste.

Dem Rückruf bei VW, sagen Experten, dürften Rückrufe anderer Marken folgen. Bundesregierung und Kraftfahrtbundesamt halten sich mit Details auffällig zurück. Oliver Krischer, Vize-Chef der Grünen im -Bundestag, nennt die Geheimniskrämerei einen „Beleg für die Kumpanei zwischen Bundesverkehrsministerium und Schummlern und Tricksern aus der Automobilindustrie“. Fragen und Antworten: 

Was ist der Kern des Dieselabgas-Skandals?

Lesen Sie dazu auch: Kommentar zum Abgasbetrug bei VW: Deutlich hochschalten

Die Motor-Software erkennt, wann das Auto für offizielle Abgastests auf dem Rollenprüfstand steht und wann es auf der Straße fährt. Auf dem Prüfstand kann es so - vereinfacht gesagt - extrem schadstoffarm laufen, Grenzwerte einhalten. Draußen gilt dann „Normalbetrieb“ mit sehr viel höherem Ausstoß etwa von Stickoxiden (NOx).

Das sagen Kritiker seit Jahren. Warum die Aufregung?

Weil neben den ganzen zulässigen Tricks, Autos bei Verbrauchs- und Abgastests sauber dastehen zu lassen, in der Motorsteuerung von VW-Modellen diese berühmt-berüchtigte Abschaltvorrichtung entdeckt wurde. Die knipst auf dem Prüfstand die Abgasreinigungssysteme an - und auf der Straße ganz oder teilweise aus. Solche Software-Schalter sind in den USA verboten, in der EU ebenfalls.

Und die Motoren-Software anderer Autobauer?

Die könnte solche Schalter auch enthalten - man müsste es beweisen. Ärger bekommen auch andere Autobauer: Belgiens Regierung hat eine Untersuchung gegen Opel gestartet. Zafira-Modelle, die mehrfach wegen hoher NOx-Werte auffielen (siehe Dokumentation), wurden in Belgien in die Werkstatt geholt. Nach Recherchen des TV-Senders VRT wurde dabei per Software-Update der NOx-Ausstoß auf ein Drittel alter Werte gesenkt. Stimmt nicht, dementierte Opel, man habe keine modifizierte Software aufgespielt. Belgiens Regierung fordert Aufklärung. Auch Paris hat Opel einbestellt.

Und was tut die deutsche Regierung?

Die hat nach Einschätzung der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und anderer Verbände kein Interesse an Aufklärung. Welche Auflagen das Kraftfahrtbundesamt (KBA) etwa VW gemacht habe, was technisch im Detail am Ende des Rückrufs stehen solle, wer wie nachweise, dass die Abgasreinigung anschließend wirklich funktioniere - das alles werde nicht öffentlich gemacht, sagt DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch. Berlin sitze die Krise aus, die Bundesregierung „sorgt sich um das Wohl von VW, nicht aber um die Gesundheit der vom Abgasskandal betroffenen Bürger“.

Hat nicht das KBA über 50 Modelle verschiedener Autobauer geprüft und teilweise erhöhte NOx-Werte gefunden?

Das wurde jedenfalls im November so verbreitet. Neben VW-Konzernmarken nannte das KBA damals auch Hersteller wie BMW, Ford, Opel, Fiat, Mercedes-Benz, Alfa Romeo, Dacia, Hyundai, Toyota oder Mazda.

Und die genauen Ergebnisse, Messprotokolle, Konsequenzen, Rückrufforderungen für andere Hersteller?

Sind bislang nicht vorgelegt worden. Eine Anfrage unserer Zeitung ließ die Behörde sechs Wochen unbeantwortet, Details gab es auch dann nicht.

Was sagt Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU)?

Der sprach beim Fototermin zum Start des Amarok-Rückrufs von VW vergangene Woche davon, dass die Wolfsburger Autos in einen „ordnungsgemäßen Zustand umgerüstet“ würden. Auch hier: keine Einzelheiten.

Warum ist die Bundesregierung im VW-Skandal weit weniger bissig als etwa US-Umweltbehörden?

Sicher auch wegen der Arbeitsplätze und Exporterfolge der deutschen Autobauer, die ja seit vielen Jahren - steuerpolitisch unterstützt - stark auf Dieselautos setzen. Der Abgasskandal, der aus den USA nach Deutschland schwappte, soll bei uns möglichst geräuschlos zu den Akten gelegt werden. Der Schaden für VW geht in die Milliarden, das Feuer, das dem hässlichen Wort vom Betrug folgt, will die Koalition möglichst nicht zum Flächenbrand werden lassen.

Dokumentation

Tests und Vorwürfe seit Jahren: Nicht nur Volkswagen hat auffällig hohe NOx-Werte

• Quer durch die Automarken liegen Stickoxid-Werte (NOx) im Realbetrieb deutlich über Labormessungen und zulässigen Grenzwerten. Die aktuellsten Testergebnisse seit September 2015 (mit Quelle und Datum der Veröffentlichung):

Fiat 500X 2.0 Diesel: Geltender Grenzwert für Euro-6-Fahrzeuge mit 1777 mg NOx/km um das Elf- bis 22-fache überschritten.

(DUH, 9.2.2016)

Mercedes C 200 CDI (Euro 5): Grenzwert mit 149 mg NOx/km eingehalten, wenn das Fahrzeug am Vortag entsprechend konditioniert wurde. Zwei weitere NEFZ-Zyklen mit warmem Motor ergaben mehr als doppelt so hohe Werte mit 337 und 352 mg NOx/km. (DUH, 16.12.2015)

BMW 320d (Euro 5): Tests im Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) auf einem Flughafengelände, Messung mit mobilem Messgerät ergibt NOx-Wert von 428 mg/km - das 2,8-fache des Laborwerts (Grenzwert: 180mg/km). (ZDF, Frontal 21, 15.12.2015)

VW Passat 2.0 TDI Blue Motion (EZ 2011, Euro 5): Messung wie beim BMW 320d. NOx-Wert von 471 mg/km - das 3,7-fache des Laborwerts. (ZDF, Frontal 21, 15.12.2015)

Renault Espace 1.6 dCi (Euro 6b): Insbesondere die NEFZ- Tests mit warmem Motor brachten sehr hohe NOx-Emissionen. Grenzwert für Euro-6-Fahrzeuge um das 13- bis 25-fache überschritten. (DUH, 24.11.2015)

Opel Zafira 1.6 CDTi (Euro 6b): Bis zu 17-fach höhere NOx-Emissionen gemessen als nach Grenzwert zulässig. (DUH, 23.10.2015)

Alle Tests: Abgasprüfstelle der Berner Fachhochschule

• Der europäische Umwelt-Dachverband Transport & Environment (T&E) hat 51 Messungen zu Realemissionen von Euro 6-Diesel-Pkw ausgewertet. Fast alle überschreiten die Grenzwerte für die gesundheitsschädlichen Stickoxide (NOx) um das bis zu 25-fache.

Audi A8 (Diesel): 21,9-fache Überschreitung

BMW X3 (Diesel): 9,9-fache Überschreitung

Opel Zafira: 9,5-fache Überschreitung

Citroen C4 Picasso: 5,1-fache Überschreitung (T&E, 14.9.2015)

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