HNA-Interview

Lagerpfarrer Steinberg über die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen

Friedland. Pfarrer Martin Steinberg ist mittendrin: Sein kleines Büro in Haus 20 ist nur wenige Meter von dem Denkmal mit der berühmten Lagerglocke entfernt. Der Kontakt zu den Menschen, die im Lager Friedland erste Schritte in einem neuen Land gegen, ist eng.

Wir sprachen mit ihm über die Probleme der Menschen, die Religion und das Zusammenleben auf engstem Raum.

Kriegsflüchtlinge aus Syrien kommen am Mittwoch ins Grenzdurchgangslager. Ist das für Sie und die Mitarbeiter hier etwas Außergewöhnliches, oder eher Business as usual?

Martin Steinberg: Nein, das ist etwas Besonderes, vor allem für die Menschen, die aus den Gefangenenlagern kommen. Aber: Die Menschen, die hier arbeiten, von der Küche bis zur Verwaltung, aus Wohltätigkeitsverbänden und Kirche, sind deshalb nicht aufgeregt. Sie haben so viel Erfahrung. Das ist alles sehr eingespielt.

Wie wird es am Mittwoch ablaufen?

Steinberg: Die Menschen sollen zunächst Ruhe finden, bekommen nach der Ankunft am Abend ein Essen und können schnell in ihre Unterkünfte. Sie werden 14 Tage hier sein, und der Ablauf ist ähnlich wie bei Menschen, die über das Resettlement-Programm kommen: Es gibt allgemeine Infos, erste Sprachübungen. Nach zwei Wochen reisen sie in die Aufnahmeorte.

Spielt es eine Rolle, dass Syrer kommen?

Steinberg: Das ist nichts Außergewöhnliches. 160 Syrer sind schon hier. Und in der Geschichte von Friedland sind sehr viele Menschen aus sehr vielen Staaten, unterschiedlichster Nationalitäten gekommen. Da waren die politischen Flüchtlinge auch aus Ungarn, Chile und Tschetschenien. Jetzt ist es ja Regelaufgabe des Lagers, Flüchtlinge aufzunehmen. Wir sind vorbereitet, kennen persönliche Hintergründe und Krankheiten. Es kommen auch Rollstuhlfahrer. Da zolle ich Deutschland Respekt, man pickt sich nicht nur gesunde, leistungsfähige Menschen heraus.

Haben Sie einen besonderen Kontakt zu den Flüchtlingen?

Martin Steinberg (63) wurde in Schwelm (Nordrhein-Westfalen) geboren. Er studierte in Wuppertal und Göttingen, wo er am Leineberg auch sein Vikariat absolvierte. Seit 1978 ist er Gemeindepfarrer in Rosdorf bei Göttingen. Seit acht Jahren hat er eine halbe Stelle als Lagerpastor und Geschäftsführer der Inneren Mission und des Evangelischen Hilfswerks im Grenzdurchgangslager Friedland inne. Steinberg ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Steinberg: Ja, es gibt für mich und für andere Mitarbeiter verdichtete Momente. So für die Mitarbeiter, die Interviews führen und die auch über das Anerkennen oder Nichtanerkennen von Asylanträgen entscheidend sind. Für mich gibt es intensive Momente in den Andachten, in denen ich bestimmte Themen anspreche, auch den Heimatverlust, das Gedenken an Angehörige. Dann fließen Tränen. Weinen gehört zur Verarbeitung, sogar zum Ankommen.

Funktioniert im Lager Friedland besser, was sonst zu Kriegen führen kann, das Miteinander verschiedener Religionen und Glaubensrichtungen?

Steinberg: Das kann man so sagen. Hier treffen sich Menschen höchst unterschiedlicher Herkunft und Glaubens. Das wird im Speisesaal zum Erlebnis. Und es funktioniert, es gibt kaum Spannungen. Grund dafür ist, dass sie sich hier wohl fühlen, dass sie Ruhe finden, keine Angst mehr haben müssen.

Wie erreichen Sie denn als Christ und Pfarrer auch Menschen anderer Religionen?

Steinberg: Es gibt überhaupt keine Vorbehalte gegen mich. Unsere Angebote von der Andacht bist zum Kinderhaus sind offen. Ich glaube, die Menschen denken gar nicht über die Religion nach.

Kommen auch Muslime in den christlichen Gottesdienst?

Steinberg: Das kommt vor. Dabei können Menschen zur Ruhe kommen. Und: Ich habe es schon erlebt, dass Muslime mit Fluchthintergrund um die Taufe für Kinder gebeten haben, weil ihnen Christen in Notlagen geholfen hatten. Sie waren dankbar.

Von Thomas Kopietz

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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