Holocaust-Gedenktag

Lammert: "Euthanasie"-Programm war Muster für den Holocaust

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Gedenkstunde im Bundestag: Norbert Lammert gedachte im Bundestag den Opfern des Holocaust.

Berlin - Der Bundestag stellt am Holocaust-Gedenktag am Freitag das Schicksal der im "Euthanasie"-Programm Ermordeten in den Mittelpunkt. Dieses NS-Verbrechen sei ein "Probelauf zum Holocaust" gewesen, sagt Bundestagspräsident Lammert.

In einer bewegenden Gedenkstunde hat der Bundestag am Freitag in Berlin an die Millionen Opfer des Nazi-Regimes erinnert. Parlamentspräsident Norbert Lammert betonte die Verantwortung Deutschlands, diese Verbrechen nie zu vergessen, und verwies auf den Artikel 1 des Grundgesetzes.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt", sagte Lammert. "Doch die Geschichte zeigt: Die Würde des Menschen ist antastbar. Nirgendwo wurde dieser Nachweis gründlicher erbracht als in Deutschland."

"Wir gedenken in diesem Jahr besonders der Kranken, Hilflosen und aus Sicht der NS-Machthaber "Lebensunwerten", die im sogenannten "Euthanasie"-Programm ermordet wurden", sagte Lammert. "300.000 Menschen, die meisten zuvor zwangssterilisiert und auf andere Weise gequält." Zwischen der "Euthanasie" und dem Völkermord an den europäischen Juden habe "ein enger Zusammenhang" bestanden, sagte Lammert. "Als "Probelauf zum Holocaust" gilt das Töten durch Gas, das zuerst bei den "Euthanasie"-Opfern praktiziert und damit zum Muster für den späteren Massenmord in den NS-Vernichtungslagern wurde."

Bundestag erinnert an Holocaust - Bilder

Ein Überlebender bei einer Gedenkveranstaltung auf dem Gelände des ehemaligen deutschen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Foto: Andrzej Grygiel
Ein Überlebender bei einer Gedenkveranstaltung auf dem Gelände des ehemaligen deutschen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. © Andrzej Grygiel
Bundestagspräsident Norbert Lammert spricht zur Gedenkstunde im Bundestag in Berlin. Foto: Bernd von Jutrczenka
Bundestagspräsident Norbert Lammert spricht zur Gedenkstunde im Bundestag in Berlin.  © Bernd von Jutrczenka
Der Eingang des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau mit dem Schriftzug "Arbeit macht frei". Foto: Andrzej Grygiel
Der Eingang des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau mit dem Schriftzug "Arbeit macht frei".  © Andrzej Grygiel
Ein Häftlingstransport aus Ungarn trifft im Frühjahr 1945 in Auschwitz ein. Foto: Archiv
Ein Häftlingstransport aus Ungarn trifft im Frühjahr 1945 in Auschwitz ein.  © dpa
Die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz: Hier trafen sich im Jahr 1942 Vertreter der NS-Regierung und von SS-Behörden, um den Holocaust zu organisieren. Foto: Britta Pedersen
Die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz: Hier trafen sich im Jahr 1942 Vertreter der NS-Regierung und von SS-Behörden, um den Holocaust zu organisieren.  © Britta Pedersen
Die argentinischen Einreise-Dokumente von Josef Mengele, des KZ-Arztes von Auschwitz, der unter dem Namen Helmut Gregor nach Argentinien einwanderte. Foto: DB Steffen Leidel
Die argentinischen Einreise-Dokumente von Josef Mengele, des KZ-Arztes von Auschwitz, der unter dem Namen Helmut Gregor nach Argentinien einwanderte.  © DB Steffen Leidel
Die Zwillinge Perla und Elisabeth Tsuker am 3. Febraur 1985 in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem: Die Schwestern gehören zu den Opfern des Nazi-Arztes Josef Mengele. Foto: DB
Die Zwillinge Perla und Elisabeth Tsuker am 3. Febraur 1985 in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem: Die Schwestern gehören zu den Opfern des Nazi-Arztes Josef Mengele.  © DB
Thüringens AfD-Fraktionschef Björn Höcke wurde nach seinen umstrittenen Äußerungen von einer Gedenkstunde des Landtags für die Opfer des Nationalsozialismus ausgeschlossen. Foto: Axel Heimken
Thüringens AfD-Fraktionschef Björn Höcke wurde nach seinen umstrittenen Äußerungen von einer Gedenkstunde des Landtags für die Opfer des Nationalsozialismus ausgeschlossen. © Axel Heimken

An der Gedenkstunde des Parlaments nahm auch Bundespräsident Joachim Gauck teil. Seit 1996 wird auf Anregung des damaligen Staatsoberhaupts Roman Herzog am 27. Januar - dem Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz - in Deutschland der NS-Opfer gedacht. 2005 riefen die Vereinten Nationen diesen Tag zum internationalen Holocaust-Gedenktag aus.

Mehrere Redner schilderten Schicksale von Euthanasie-Opfern

Der Neffe des "Euthanasie"-Opfers Benjamin Traub, Hartmut Traub, sagte im Bundestag, Erinnern sei mehr als bloßes Zur-Kenntnis-Nehmen. "Erinnern - so sagt es das Wort - geht uns innerlich an. Es betrifft uns." Manches Erinnern erfordere Mut und Beharrlichkeit. "Manches Erinnern ist eine Pflicht, die uns der Wille zur Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit gegenüber Schuld und Versagen auferlegt." Traub war einer von mehreren Rednern, die Einzelschicksale von "Euthanasie"-Opfern schilderten.

Bundestagspräsident Lammert erinnerte auch an die sogenannte Wannsee-Konferenz der Nazis: "Es ist heute fast auf den Tag genau 75 Jahre her, dass 15 hochrangige Vertreter des Nazi-Regimes in einer Berliner Villa im Westen der Hauptstadt zusammenkamen, um mit unfassbarer Menschenverachtung den millionenfachen Mord an den europäischen Juden möglichst effizient zu organisieren, der damals längst beschlossen war und auch seit langem begonnen hatte."

Die Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 spiegele "jene zynisch technokratische Unmenschlichkeit und ideologisch verbrämte Barbarei wider, die neben Juden auch andere Gruppen unschuldiger Menschen traf", so Lammert. Deutschland gedenke "der Sinti und Roma, der Millionen versklavter Slawen, der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, der Homosexuellen, der politischen Gefangenen, der Christen, der Zeugen Jehovas, all derer, die wegen ihrer religiösen und politischen Überzeugungen von der nationalsozialistischen Ideologie zu Feinden erklärt, verfolgt und vernichtet wurden". Lammert erinnerte "auch an diejenigen, die mutig Widerstand leisteten oder anderen Schutz und Hilfe gewährten".

Nur wenige wurden vor Gericht gestellt

Nach 1945 sei nur ein kleiner Teil der Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern, die am Mord an Kranken und Behinderten beteiligt waren, vor Gericht gestellt worden, "nicht wenige erst Jahrzehnte nach der Tat", sagte Lammert. "Viele Verfahren endeten wegen Verjährung oder dauerhafter Verhandlungsunfähigkeit der Angeklagten mit Freisprüchen. Bedenkt man, dass als Spätfolge der NS-Todesmaschinerie in manchen Anstalten noch 1948 die Sterberaten bei über 30 Prozent und damit weit über dem Normalwert lagen, wirkt die Milde der Justiz auch heute schlicht und einfach: skandalös." Erschütternd sei "auch die jahrelange Gleichgültigkeit in Wissenschaft, Medien und Politik".

dpa

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